Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk
Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk

Heidelberg, 28. März 2016

 

 

Horst-Jürgen Gerigk
(Universität Heidelberg)

 

 

August Strindberg
Fremdbild und Selbstbild
im Bannkreis von „Pathographie“ und „Poetologie“

 

 

August Strindberg lebte von 1849 bis 1912. Mit seinen Bühnenstücken ist er zu einer Portalfigur des modernen Theaters geworden. Man denke nur an „Der Vater“, „Fräulein Julie“, „Totentanz“ und  „Gespenstersonate“. Neben Ibsen und Tschechow ist es Strindberg, mit dem die Sprache des Alltags seriös auf die Bühne kommt. Was jedoch Strindberg kennzeichnet und von seinen beiden Kollegen abgrenzt, das ist die Aura des Wahnsinns, die sein Leben und sein Werk umgibt und ein ganz besonderes Interesse provoziert. Es sind die furchtbaren Realitäten des Daseins, die hier dem Zuschauer in einer nur allzu verständlichen Sprache regelrecht zu Leibe rücken. Der Abgrund des Wahnsinns ist es, an dessen Schwelle sich Strindbergs Gestalten entlang bewegen. Bereits Strindbergs erster großer Erfolg, „Der Vater: Trauerspiel in drei Akten“, hatte den Eifersuchtswahn der Titelfigur zum Thema. Der „Held“ wird am Ende in eine Zwangsjacke gesteckt, um ihn vom Leben fern zu halten. Die Forschung hat längst festgestellt, dass  es „seit E. T. A. Hoffmann außer Poe keinen Dichter“ gegeben hat, der wie Strindberg „das Unheimliche und Symbolische so selbstverständlich im Alltag anzusiedeln verstanden hätte, so dass man unmerklich aus der Traumwelt in die Wirklichkeit, aus der Wirklichkeit in die Traumwelt gerät,“  so Hans Schwarz (Strindberg 1960, S. 330).

Aus diesem Abgrund unter der Oberfläche des Alltags bezieht Strindbergs Einbildungskraft zweifellos ihre stärksten Effekte, so wie seine Selbstdarstellungen (mit „Plädoyer eines Irren“ und „Inferno“ an der Spitze) immer auch Resultat kühner Selbstinszenierung sind: Leben und Werk beherrscht hier ein und dieselbe Atmosphäre.

Und es ist deshalb kein Zufall, dass Karl Jaspers mit seiner ersten „Pathographie“ im Jahre 1922 Aufsehen erregt, deren Titel lautet: „Strindberg und van Gogh. Versuch einer vergleichenden pathographischen Analyse“. 

 

Karl Jaspers über Strindberg

 

Der Zusammenhang von Wahnsinn und Kreativität wurde im 19. Jahrhundert zum wissenschaftlichenThema erhoben, insbesondere von Cesare Lombroso und Max Nordau. Lombroso wurde mit seiner Schrift  „Genio i follia“ (deutsch „Genie und Irrsinn“) weithin berühmt, und Max Nordau widmete sein Hauptwerk „Entartung“ Cesare Lombroso. Im Unterschied zu Lombroso, der die ermittelten wahnsinnigen Genies nicht denunzierte, wollte Nordau jedoch vor den „entarteten“ Künstlern warnen und ihre Werke als Irrwege kennzeichnen, die keinen Anspruch auf seriöse Anerkennung erheben könnten: Paul Verlaine, Joris-Karl Huysmans, Henrik Ibsen, Richard Wagner und auch der Tolstoj der „Kreutzersonate“ werden als „entartet“ abgelehnt. Das war 1891 (jetzt: Nordau 2013). Dass der Begriff „entartete Kunst“ im Dritten Reich zum  tödlichen Schlagwort wurde, hat seine paradoxe Pointe darin, dass Max Nordau Zionist war, der zusammen mit Theodor Herzl die Gründung des Staates Israel vorbereitet hat.

Die pathographische Analyse „Strindberg und van Gogh“ von Karl Jaspers hat einen völllig anderen Zuschnitt. Jaspers sieht im Wahnsinn die treibende Kraft für besondere künstlerische Leistungen und betrachtet unter solcher Prämisse Strindberg, van Gogh sowie auch Hölderlin und Swedenborg, was der Titel seiner Schrift nicht erkennen lässt. In unserem Kontext geht es ausschließlich um Strindberg. Jaspers wörtlich:

„Zu allen Zeiten hat Strindberg eigene Erlebnisse direkt in seine Werke übernommen. (…) Der ,Vater' ist zum Teil geradezu Selbstdarstellung: Das Kind ist nicht sein Kind; die Frau will Macht in jeder Beziehung; sie fängt seine Briefe ab; sie will seine geistige Arbeit nicht; sie erklärt ihn mit Erfolg vor den Leuten als geisteskrank; er kommt in die Zwangsjacke; die Hauptsache ist, Gewißheit haben wollen. (...) Als stoffliche Quelle dient aber auch in anderen Werken sein schizophrenes Erleben: das Traumartige des Geheimnisvollen, der Windstoß, das schlechte Essen, die weltanschaulichen Probleme, die pseudowissenschaftlichen Studien und Einsichten (…). Man könnte leicht ein Inventar dieser ganzen Stoffwelt der schizophrenen Erfahrung den späteren Werken entnehmen (…).

Man kann für eine der stärksten Kräfte Strindbergs seinen Drang zur Selbstbeichte halten. Mit einer brutalen Aufrichtigkeit hat er sein Leben der Öffentlichkeit mitgeteilt. Er schonte dabei weder sich noch andere. Darum ist er nicht nur von erstaunlicher Taktlosigkeit, sondern in jeder seelischen Beziehung völlig rücksichtslos. Diese Aufrichtigkeit ist die leidenschaftliche des Augenblicks. Er verdeckt sich nicht, aber er ist schnell zufrieden und hält seine Auffassung, scharf und schlagend formuliert, für die Wahrheit. Er hat nicht den tiefen Drang zum unbedingten und immer weiter fragenden Sichdurchsichtigwerdenwollen, zum grenzenlosen Klarwerdenwollen. Darum ist er, verglichen mit Nietzsche oder Kierkegaard, psychologisch oberflächlich. (…) Darum ist seine Beichte um so treffender, je mehr sie Ausdruck der unmittelbaren Gegenwart ist. (…) Oft genug hat er sich selbst preisgegeben. Aber abgesehen von der umformenden Wirkung des Wahns besteht die Grenze der Wahrheit eben in jenem Isolieren und der fanatischen Apodiktizität des Behauptens.“ (Jaspers 1977, S. 105-107)

Hermeneutisch gesehen, fordert Jaspers, das literarische Werk Strindbergs aus dessen Leben zu erklären, weil Strindbergs Krankheit, die Schizophrenie, die Lebenswelt und die fiktive Wirklichkeit des literarischen Werks fusioniert habe. Für Strindberg selbst war also die fiktive Wirklichkeit seines literarischen Werks nur die Fortsetzung und Fixierung seiner unmittelbaren Lebenswelt. Und das führe dazu,, dass die Wahrheit, wie sie von den Gestalten Strindbergs vertreten werde, immer wieder eine andere ist. weil auch für Strindberg selbst die Wahrheit, je nach Phase und Schub seiner Schizophrenie, jeweil eine andere war. So Jaspers, der deshalb Nietzsche und Kierkegaard gegen Strindberg ausspielt. Zu Unrecht, wie mir scheint; denn Jaspers meint offensichtlich, dass die Wahrheit der Dichtung  aus Urteilssätzen besteht. Wie Hans-Georg  Gadamer (1960, S. 442) aber zu bedenken gibt, besteht die Wahrheit der Dichtung aus spekulativen Sätzen, die keiner zweiwertigen Logik unterliegen -- das heißt: Sie können weder widerlegt (= falsifiziert), noch bestätigt (= verifiziert) werden. Ein Meister des spekulativen Satzes ist Hegel, wenn er behauptet: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ („Grundlinien der Philosophie des Rechts“, Vorrede; Hegel 1955, S. 14).

Was aber hat diese Überlegung mit Strindberg zu tun? Antwort: Karl Jaspers sucht die Wahrheit der Dichtung am falschen Ort, wenn er sie in den Urteilssätzen der Strindbergschen Gestalten zu finden meint. Jedes Drama Strindbergs hat wie jeder literarische Text seine Wahrheit in einem spekulativen Satz, der aufzuspüren ist, so dass Handlung und Charaktere dessen Veranschaulichung liefern. Nietzsche und Kierkegaard dürfen nicht auf der Figurenebene (d. h. innerfiktional) ins Spiel gebracht werden, als existierten sie mit ihren Äußerungen auf der gleichen logischen Ebene wie die Gestalten Strindbergs.

Nun ist aber Karl Japers kein Literaturwissenschaftler und will auch gar keiner sein. Er liest die Weltliteratur mit dem Blick des Psychiaters (Gerigk 2015). Seine Lektüre ist immer Diagnose. Das heißt: Er fühlt sich ein in die Schicksale der geschilderten Gestalten und stellt immer die gleiche Frage: Gesund oder krank? Anders gesagt: Karl Jaspers liest immer „psychologisch“ und niemals „poetologisch“, denn niemals käme es ihm in den Sinn, ein einzelnes literarisches Werk „poetologisch“ zu analysieren: als Leistung einer künstlerischen Intelligenz, die dafür gesorgt hat, dass kein Detail zu viel und auch keins zu wenig da ist. Es wäre deshalb falsch, Jaspers vorzuwerfen, dass er die Wahrheit der Dichtung in den Urteilssätzen der geschilderten Gestalten sucht, denn sein Vorgehen ist auch darin konsequentes Resultat seiner Fragestellung: „Pathographie“ heißt „Diagnose“. Und auf diesem Gebiet leistet Jaspers Hervorragendes. Was er mit Strindberg macht, ist dafür das beste Beispiel.

Mit einer durchaus ähnlichen, wenn auch nicht identischen  Fragestellung untersucht Gottfried Benn das „Genieproblem“. Auch Benn war Arzt, allerdings für „Haut- und Geschlechtskrankheiten“.

 

Gottfried Benn über Wilhelm Lange-Eichbaum

 

Ausgehend von Ernst Kretschmer („Geniale Menschen“, 1929)  und Wilhelm Lange-Eichbaum („Genie, Irrsinn und Ruhm“, 1928), veröffentlicht Gottfried Benn 1930 seine Überlegungen zum „Genieproblem“ (Benn 1962, S. 107-122).

Aus verschiedenen Horizonten umkreist Benn den Begriff „Genie“ historisch und systematisch, beobachtet die Auflistungen Lange-Eichbaums und vermerkt:

„Genie ist Krankheit, Genie ist Entartung, davon muß man sich, glaube ich, für überzeugt erkären. Aber es erhebt sich nun die Frage, muß man nicht dem ganzen Problem noch eine andere Wendung geben? Wie sieht die Analyse von Genie und Irrsinn aus,  wenn man sie aus der biologischen Idee in die soziologische übernimmt? Wir stoßen nun auf einen Gedanken, der die moderne Geniekunde durchzieht, ein Gedanke, der vielleicht zunächst etwas Enttäuschendes und Abkühlendes hat, der aber seine Fruchtbarkeit und methodische Überzeugungskraft in den grundlegenden neueren Werken der Geniekunde bewiesen hat, ein Gedanke immerhin, der eigentlich eine noch abgründigere Perspektive eröffnet als der vom direkt und persönlich himmelstürmenden und anlangenden Genie. Der Gedanke lautet: Genie wird nicht geboren, sondern entsteht. Nicht die Anlage, die Leistung, auch nicht der Erfolg allein genügt, sondern es muß etwas hinzukommen, nämlich die Aufnahme bei der Gruppe, beim Volk, bei der Zeit, häufig einer späteren.“ (Benn 1962, S. 116)

Als Beleg für dieseThese nennt Benn zwei Beispiele: Walther von der Vogelweide und Rembrandt. Wie Benn ausführt, war Walther von der Vogelweide „ncht nur vergessen, sondern völlig und absolut unbekannt, sein Name lag überhaupt nicht vor, bis Uhland 1822 die berühmte Biographie über ihn schrieb, und nun wurde er mit einem Schlag der größte Lyriker des Mittelalters.“ Und zu Rembrandt führt Benn aus:

„Er war zu Lebzeiten zunächst ein angesehener Maler, aber gar nichts Einzigartiges, in der zweiten Lebenshälfte galt er als maniriert und bekam keine Aufträge mehr und verkam schließlich bekanntlich trunksüchtig und gepfändet im Armenhus. Dann war er verschollen. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts galt er als mittlere Qualität, dann erschien das Buch des Rembrandtdeutschen, und nun wurde er die welthistorische Persönlichkeit und das Genie. Typischer Fall von Geniebildung, lehrt die Soziologie.“

Wer aber ist der „Rembrandtdeutsche“? Es war der Beiname des Schriftstellers Julius Langbehn, der von 1851 bis 1907 lebte (geboren in Hadersleben, gestorben in Rosenheim) und mit dem Roman „Rembrandt als Erzieher“ im Jahre 1890 seinen größten Erfolg produzierte. Anonym erschienen („Von einem Deutschen“) im Leipziger Verlag C. L. Hirschfeld, erlebte das Werk innerhalb von zwei Jahren 39 Auflagen und hat tatsächlich, wie Benn hervorhebt, das Rembrandt-Bild von Grund aus verändert. Als Kulturkritiker hatte Julius Langbehn starken Einfluss auf die deutsche Bildungsschicht. Ab 1900 Hinwendung zur katholischen Kirche.(Wikipedia 2016) Informationen zu Leben und Werk liefert aus nächster Nähe sein Freund Benedikt Momme Nissen („Der Rembrandtdeutsche Julius Langbehn“, 1929).

Gottfried Benn untescheidet also, wie ich jetzt sagen möchte, zwischen dem „Genie“ im schaffenspsychologischen Sinne und dem „Genie“ im rezeptionspsychologischen Sinne. Das erste liegt vor, wenn Benn feststellt: „Genie ist eine bestimmte Form reiner Entartung unter Auslösung von Produktivität“. Das zweite liegt vor, wenn Benn auf die späte Entdeckung Walthers von der Vogelweide und Rembrandts aufmerksam macht. Wo im Einzelfall von „Genie“ die Rede ist, sind immer beide Faktoren gegeben. Und Benn fasst zusammen: „Der Genieträger ist zwar entartet, aber das genügt nicht zur Geniewerdung, sondern das Kollektiv vollzieht wegen der Entartung, ihres dämonischen Reizes, ihrer rätselhaften Züge, die Umformung zum Genie.“ (Benn 1962, S. 119)

Man beachte, dass bei Benn weder Max Nordau vorkommt noch Karl Jaspers. Benns Begriff der Entartung ist ein anderer als der  Nordaus, denn Entartung impliziert bei Benn das „Bionegative“ (ein Begriff Lange-Eichbaums) als Voraussetzung für Genialität. Und bei Karl Jaspers steht die gegen ihn geltend zu machende „Poetologie“ seiner „Pathographie“ gegenüber. Deshalb knüpft Benn an keinen der beiden an. Als Kulturphilosoph, der selber ein Dichter ist, reflektiert Benn „Probleme der Lyrik“ (1951) und äußert sich programmatisch „Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit“ (1929).

Typisch für Benn, der als Filou immer noch mehr weiß, als er sagt, dass er im Labyrinth der Abstraktionen plötzlich und unerwartet den gesunden Menschenverstand zu Wort  kommen lässt:

„Doch will ich eine Bemerkung von Kretschmer hier erwähnen, der meint, daß ein kräftiges Stück Gesundheit und Spießbürgertum zum ganz großen Genie dazugehöre, ein Stück, das unter Behagen an Essen und  Trinken, an solider Pflichterfüllung, an Staatsbürgerlichkeit, an Amt und Würden, dem großen Genie erst jene Qualität von Fleiß, Stetigkeit und ruhiger Geschlossenheit verleihe, die seine Wirkungen weit über die lauten und vergänglichen Anläufe des Genialischen hinauszuheben vermöge. Das scheint mir eine vorzügliche Beobachtung zu sein.“ (Benn 1962, S. 115)

„Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“, sagt Hölderlin („Sokrates und Alcibiades“).

 

Strindberg 1987

 

Die „Pathographie Strindberg“ erreicht 1987 ihren Gipfel mit Band 5 der Serie „Genie, Irrsinn und Ruhm“, worin auf acht Seiten mit einem Jaspers-Zitat vorweg in erprobter Systematik Lebenslauf, Psychogramm, Psychopathographische Wertung und Literaturhinweise präsentiert werden. Und weil das Aphabet die Reihenfolge bestimmt, steht der Eintrag „August Strindberg (1849-1912)“ genau zwischen „Adalbert Stifter (1805-1868)“ und „Jonathan Swift (1667-1745)“, was manchen Leser zum unmittelbaren Vergleich animieren wird.

Doch bleiben wir bei Strindberg. Nur Weniges sei aus den stichwortartigen Verweisen auf die komplexe Forschungslage  herausgegriffen. „Zur Frage der Geisteskrankheit bzw. Paranoia“ lesen wir: „Schizoide, paranoide Züge. Ständige aggressive Unruhe im Wesen, stets subjektiv, ungleichmäßig in den Werken. Starker Geist, großer Charakter. Als Student in Uppsla durch Halluzinationen verwirrt. Vor dem 30. Jahr Selbstmordgedanken. Angst, geisteskrank zu werden, so daß er mit 30 Jahren um eine Aufnahme in eine Anstalt bat. Paranoide und hysterische Veranlagung. Allmähliche klassische Paranoia. Eifersuchtswahn, Beziehungswahn, Paranoia simplex chronica. Letzte Krankheit Mastdarmkarzinom, daneben Spätschizophrenie. Zwangsvorstellungen. Selbstmordgedanken. Verfolgungswahn, Angstzustände; hysterisch-psychopathische Veranlagung. Grundzug der Persönlichkeit: schizoider Kern (abnorm verletzbares Persönlichkeitsgefühl, autistisch-empfindsame Absperrung oder ihre Verteidigung in paranoider Abwehr). Im Charakter zahlreiche Gegensätze: autistisch-phantastisches Größenbewußtsein, maßloser Geltungsdrang aus Kampf gegen eigene Schwäche. Konflikte zwischen egozentrischem Genußtrieb, rigoroser ethischer Selbstkontrolle und religiösem Suchen nach metaphysischem Halt.“

Und schließlich heißt es: „Trotz aller diagnostischen Problematik des Falls Strindberg bleibt eine schwer angeschlagene bionegative Persönlichkeit zurück. Bemerkenswert ist sicher auch die zyklothyme Komponente, die den phasischen Verlauf bedingt und den Zerfall verhindert. Außerdem handelt es sich mehr um Paraphrenie als um echte Schizophrenie. Die Darstellung der Wirkung Strindbergs, hauptsächlich durch das Eindrucksvolle des Psychopathologischen, harrt noch einer großen Bearbeitung.“

Die abschließende „Psychopathographische Wertung“ stellt fest: „Mittelgroß, schlank bis kräftig; schizoid mit zyklothymem Einschlag – Charakter bzw. Wesenszüge: selbstquälerisch, skeptisch, empfindlich, überreizt, feminin, weich, ängstlich, Fürsorge, Liebe, Leidenschaft, Erotik, Unlauterkeit, Zorn, exzentrisch, gesellig und autistisch (ambivalent), esoterisch, exotisch, Arbeitswut, Selbstgefühl, schüchtern, zurückhaltend, Hundehaß, Narzißmus, Grübler, Verstimmung, manisch und depressiv. Intelligenz: überdurchschnittlich. Begabungstyp: produktiv literarisches Talent.“

Das Schlußwort fixiert: „Strindberg gehört zu den psychisch kranken Hochtalenten (dominant schizoider Psychopath). Mittlerweile hat sich aber die Ansicht durchgesetzt, daß dieser schwedische Erzähler und Dramatiker nicht geisteskrank (schizophren) war. Vor allem hat man seine Erzählung ,Inferno' zuviel Beachtung geschenkt, aus der man die Schizophrenie abzuleiten versuchte. Die Deutungen von Lidz, der von einer ödipalen Konfliktsituation ausgeht, sind heutzutage glaubwürdiger  als die mittlerweile tradierten Theorien von Jaspers oder Kretschmer. Bei aller Labilität Strindbergs darf doch nicht sein intaktes Sendungsbewußtsein übersehen werden, wenn es auch manchem widersprüchlich erscheinen mag. Eine Entwicklung zur Psychose kann ausgeschlossen werden, da Kriterien wie Persönlichkeits- oder Wertzerfall fehlen. Doch war Strindbergs Hysterie so stark ausgeprägt, daß man ihm eine Geistesstörung, die allerdings zu keinem Zeitpunkt vorlag, abzunehmen versuchte.“

Man sieht: Über die Krankheit Strindbergs streiten sich die Fachleute. Das gilt auch für die Doku-Fiktion „Strindberg. Ein Leben“ (deutsch 1985) von Per Olov Enquist. Ein solcher Streit angeschts der Diagnose, wie sie Karl Jaspers geliefert hat, kann aber das  Phänomen Strindberg nur noch faszinierender machen. Müssen wir also „Inferno“ noch einmal lesen? Eine solche Intensivierung des Interesses aber ist nur möglich, weil sich der künsterische Rang seines literarischen Werks nicht bestreiten lässt. Erst die unanfechtbare Bedeutung seines literarischen Werks garantiert der „Pathographie“ seiner Persönlichkeit die öffentliche Aufmerksamkeit. Dieser Gedanke schwelt unausgesprochen unter allem „medizinischen“ Interesse an der Persönlichkeit dieses Meisters aus Schweden.

 

Fazit

 

Der hier maßgebende Zusammenhang zwischen Literatur und Medizin erhält durch Leben und Werk August Strindbergs  ein in jeder Richtung bedeutungsvolles Musterbeispiel. Denn einerseits handelt es sich bei der literarischen Produktion Strindbergs um Werke, deren künstlerischer Rang unbestritten ist, und andererseits hat Strindberg seine psychische Krankheit durch veröffentlichte Selbstdarstellungen ausführlich zu Protokoll gegeben.

Seit der inzwischen klassischen Pathographie Strindbergs von Karl Jaspers (1922) sieht sich die Forschung also mit dem wissenschaftlichen Fremdbild und dem vorwissenschaftlichen Selbstbild Strindbergs konfrontiert, so dass sich nun die Frage nach der Kompetenz der nachweislichen Krankheitsfolie für die adäquate Einschätzung des literarischen Werks Strindbergs stellt: Denn zwischen Genese und Phänomen besteht ontologisch kein ursächlicher Zusammenhang. Anders ausgedrückt: Für die adäquate Einschätzung des Kunstergebnisses ist dessen Zustandekommen völlig belanglos. Es gibt keine „kranke“ Kunst, sondern nur gelungene und mißlungene Kunst. Das heißt: Für die poetologische Analyse der literarischen Werke Strindbergs ist dessen Schizophrenie völlig ohne Bedeutung. Deren Kenntnis kann sogar, wie sich zeigen ließ, die adäquate Einschätzung des literarischen Werks behindern. Dass bei Strindberg Krankheit zum  Thema wird, hat natürlich mit dieser Überlegung nichts zu tun (Jagow / Steger 2005, Spalte 465, 689, 822). Krankheit als Thema darf allerfings nicht zum Symptom seiner Schaffenslage werden.

Das literarische Werk August Strindbergs begegnet uns also in zwei ganz verschiedenen Referenzrahmen, die sich als „Pathographie“ und „Poetologie“ benennen lassen. Dieser Unterschied sollte beachtet werden, wenn von „Strindberg“ die Rede ist.

 

Zitierte Literatur

 

Benn, Gottfried: Das Genieproblem (1930). In: Benn, Gesammelte Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Dieter Wellershoff. Wiesbaden: Limes Verlag 1962. Band 1: Essays, Reden, Vorträge, S. 107-122.

 

Enquist, Per Olov: Strindberg. Ein Leben. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1985 (= Sammlung Luchterhand; Bd. 601). Doku-Fiktion in sechs Teilen mit „Leseempfehlungen“ zu den jeweils dialogisch behandelten Werken Strindbergs.

 

Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr, Siebeck 1960.

 

Gerigk, Horst-Jürgen: Kunst der psychisch Kranken. In: Jagow / Steger, Literatur und Medizin, op. cit., Spalte 464-466.

 

Gerigk, Horst-Jürgen: Lesen und Interpretieren. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2002. 3. Aufl. Heidelberg: Mattes Verlag 2013.

 

Gerigk, Horst-Jürgen: Karl Jaspers und die Weltliteratur. Aspekte einer beweglichen Beziehung. In: Psychopathologie gestern, heute,  morgen. Zum 100. Geburtstag der „Allgemeinen Psychopathologie“ von Karl Jaspers. Herausgegeben von Dietrich von Engelhardt. Heidelberg: Mattes Verlag 2015, S. 179-190.

 

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Herausgegeben von Johannes Hoffmeister. Hamburg: Felix Meiner 1955 (= Philosophische Bibliothek; Bd. 124 a).

 

Jagow, Bettina von und Florian Steger (Hrsg.): Literatur und Medizin. Ein Lexikon. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2005.

 

Jaspers, Karl: Strindberg und van Gogh. Versuch einer vergleichenden pathographischen Analyse (zuerst 1922). München: Piper 1977 (=  Serie Piper; Bd. 167).

 

Kretschmer, Ernst: Geniale Menschen. Berlin: Springer 1929.

 

Langbehn, Julius. Eintrag in: „Wikipedia der freien Enzyklopädie“, 20. März 2016.

 

Lange-Eichbaum, Wilhelm: Genie, Irrsinn und Ruhm. München: Ernst Reinhardt 1928.

Lange-Eichbaum, Wilhelm und Wolfram Kurth: Genie, Irrsinn und Ruhm. Bd. 5: Die Dichter und Schriftsteller, 2. Siebente, völlig neubearbeitete Auflage von Wolfgang Ritter. München und Basel: Ernst Reinhardt 1987. Darin: August Strindberg, S. 152-159.

 

Nissen, Benedikt Momme: Der Rembrandtdeutsche Julius Langbehn. Mit Geleitbrief des Bischofs Dr. Paul Wilhelm von Keppler. Freiburg im Breisgau: Herder 1929. Darin zwei Langbehn-Portraits von Wilhelm Leibl und Hans Thoma.

Nordau, Max: Entartung. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Karin Tebben. Berlin und Boston: Walter de Gruyter 2013 (= Europäisch-jüdische Editionen).

 

Strindberg, August: Dramen. Der Vater, Fräulein Julie, Nach Damaskus, Totentanz, Ein Traumspiel, Gespenstersonate. Neu übertragen von Will Reich. Mit einem Essay „Zum Verständnis des Werkes“ von Hans Schwarz. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1960 (= Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft. Skandinavische Literaturen; Bd. 1).

 

Strindberg, August: Plädoyer eines Irren (Le plaidoyer d'un fou). Roman. Übersetzung aus dem Französischen und Nachwort von Hans Joachim Maas. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981 (= Bibliothek Suhrkamp; Bd. 704). Deutsch zuerst 1893 unter dem Titel: Die Beichte eines Thoren.

 

Strindberg, August: Inferno. Aus dem Schwedischen übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hans-Jürgen Hube. Leipzig: Verlag Sammlung Dieterich1991 (= Sammlung Dieterich; Bd. 413). Enthält auch das Bühnenstück „De creatione et sententia vera mundi: Mysterium“ von 1898, S. 229-239.

 

Wilpert, Gero von: Lexikon der Weltliteratur. Fremdsprachige Autoren. 2 Bde. Stuttgart: Kröner 2008, Bd. 2, S. 1735-1737: Strindberg.

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