Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk
Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk

Rezensionen

Klaus Manger (Hg.)

Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation.
Festschrift für Horst-Jürgen Gerigk


[Beiträge zur Neueren Literaturgeschichte Bd. 164], Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 1999. 388 S.

 

Neue Zürcher Zeitung, 30./31.Oktober 1999 • Nr. 253

Literaturtheorie als Herausforderung

U. Sm. Der Heidelberger Komparatist Horst-Jürgen Gerigk darf als einer der wenigen seines Fachs für sich beanspruchen, in der Tat vergleichende Literaturwissenschaft zu betreiben. Während sich die meisten Komparatisten auf den «westlichen Kanon» (Harold Bloom) beschränken, verfügt Gerigk über einen ausgesprochen breiten Wahrnehmungshorizont, der zusätzlich etwa auch die russische Literatur, die deutsche Philosophie und den amerikanischen Film umfaßt. Die eigentliche Besonderheit von Gerigks interpretatorischer Arbeit liegt aber in seiner eigenständigen Literaturtheorie, die in der provokativen These der Kommentarunbedürftigkeit des literarischen Kunstwerks gipfelt. Grundsätzlich betrachtet Gerigk jeden Text als komplexes Gebilde, das doppelt motiviert ist: Die künstlerische Fiktion weist eine innerliterarische Motivierung auf, die den thematischen Zusammenhang des Erzählten gewährleistet; gleichzeitig lässt sich aber auch eine ausserliterarische Motivierung beobachten, die hinter dem konkreten Werk auf einen grösseren Wahrheitsentwurf verweist. Gerigk nennt dieses Phänomen die «poetologische Differenz», in deren Enthüllung sich der spezifisch künstlerische Sinn eines Textes offenbart. Zu Horst-Jürgen Gerigks 60. Geburtstag liegt nun eine Festschrift vor, die seine wissenschaftlichen Interessen in allen Facetten dokumentiert; vertreten sind Beiträge zur Hermeneutik, Psychiatrie, Medizingeschichte, Anglistik, Germanistik und Slawistik.

Klaus Manger (Hrg.): Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation. Festschrift für Horst-Jürgen Gerigk Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1999. 388 S., Fr. 114.-.

 

Metamorphosen. Literatur, Kunst, Kultur, 9. Jahr / Nummer 27.
1999, Seite 20. Heidelberg: Elfenbein Verlag.

Gerigk zum Sechzigsten

Klaus Manger (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation. Festschrift für Horst-Jürgen Gerigk. Heidelberg: C. Winter, 1999. Geb., 388 S., 128 Mark.

Horst-Jürgen Gerigk, langjähriger Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg, hat sich in seinen zahlreichen Büchern und Aufsätzen sowohl mit zentralen Werken und Autoren unterschiedlicher europäischer Literaturtraditionen von Rußland bis Großbritannien als auch mit theoretischen Fragen der Interpretation von Dichtung auseinandergesetzt. Die poetische Transformation des Menschen zum Affen und die Rezeption Dostojewskijs in den USA haben ebenso sein Interesse gefunden wie die Applikation der Hermeneutik Gadamers auf die Kulturwissenschaften. Anläßlich des sechzigsten Geburtstages haben eine Reihe von Kollegen und Schülern Gerigk nun eine umfängliche, schön gestaltete Festschrift gewidmet, in deren thematischer und methodologischer Vielfalt sich das große Spektrum der Arbeitsgebiete des Jubilars in Forschung und universitärer Lehre spiegelt. Die Beiträge sind unter anderem Einzelanalysen zu Texten Goethes, Hölderlins, Tolstois, Tschechows, Dickens' und Harold Pinters, aber auch ästhetikgeschichtlichen, philosophischen und hermeneutischen Fragen gewidmet. Ein instruktiver Aufsatz von Joseph P. Strelka würdigt die Bedeutung der literaturtheoretischen Arbeiten Gerigks. Eine Studie von Dietrich v. Engelhardt führt sogar in das Grenzgebiet zwischen Dichtung und Medizin im 19. Jahrhundert. Die Prominenz vieler Beiträger, die sich nicht nur aus dem Umkreis der Universität Heidelberg rekrutieren, verbürgt - im Unterschied zu manchen anderen Festschriften - in den meisten Fällen die Qualität der Aufsätze. Hans-Georg Gadamer hat ebenso an der Entstehung des Bandes mitgewirkt wie Dieter Borchmeyer, Helmuth Kiesel, Klaus Manger und Reiner Wiehl. Kurz: Der vorliegende Band kann nicht allein als würdige Geburtstagsgabe für Horst-Jürgen Gerigk gelten, sondern wird auch das Interesse vieler komparatistisch und theoretisch ausgerichteter Literar- und Kulturhistoriker finden.


Ralf Georg Bogner

 

The German Quarterly, Winter 2000, pp. 116 – 117.

Manger, Klaus, ed. Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation. Festschrift für Horst-Jürgen Gerigk. Beiträge zur neueren Literaturgeschichte 164. Heidelberg: Winter, 1999.388 pp. DM 128.00 hardcover.

Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation, is a Festschrift commemorating the sixtieth birthday of Horst-Jürgen Gerigk, professor at the University of Heidelberg, containing twenty-one diverse essays, by scholars of literary criticism, philosophy, art history, and medical history, on subjects ranging from Goethe, Novalis, and Hölderlin, Russian literature of the nineteenth and twentieth centuries, to film studies. The essays are connected by the overarching themes of aes-thetics and aesthetic theory, two of Gerigk's main academic interests.

Because Gerigk is an acclaimed expert on Russian literature and a noted Dostoevsky scholar, about one-fourth of the essays deal specifically with Russian literature, with essays on Chekhov, Dostoevsky, Nikolai Leskov, Tolstoy, and Turgenev. Two articles deal with literature and medicine and psychoses: Dietrich v. Engelhardt contributes an intriguing essay “Von den Grenzen der Medizin und der Macht der Freundschaft: Ein ärztliches Gutachtenin A Tale of Two Cites (1859) von Charles Dickens in medizinhistorischer Sicht," in which he first surveys historically the themes of doctor and patient and sickness and health in European literature of the nineteenth and twentieth centuries and then offers an analysis of Dickens's classic novel which he argues is Dickens's attempt to thematize and problematize the situation and care of patients, as well as the general limits of medicine. In "Hölderlins Spätwerk in seiner Beziehung zur Krankheit" Wolfram Schmitt investigates how Hölderlin's schizophrenia manifested itself in and influenced bis literary works. Schmitt argues that Hölderlin's literary oeuvre developed in distinct phases that correspond to the developmental phases of Hölderlin's psychoses. He offers detailed and convincing close readings of Hölderlin's texts to suggest that the development of Hölderlin's psychosis visibly affects bis language and literary style beginning in 1802, in the initial stage of bis episodic schizophrenia, and then more pronounced beginning 1807, with the advent of his chronic Schizophrenic psychosis (266).

In his refreshing essay "Richard Wagner als literarisches Ereignis der europäischen Frühmoderne" Dieter Borchmeyer investigates the literariness of Wagner's work and argues that Wagner signals the rise of modernity. Wagner's sphere of influence from the mid-nineteenth Century through the third decade of the twentieth Century extended well beyond the borders of Germany, where his influences are seen in works by Nietzsche and Thomas Mann, among many others, to France and England, where clear Wagnerian influence can be read in Marcel Proust, James Joyce, Virginia Woolf, and scores of other modern writers.

The volume contains an essay by Hans-Georg Gadamer from the late 1950s "Über die philosophische Berechtigung der Kunstkritik," in which he poses two questions that grapple with the interconnectedness of art criticism and society: "Was ist Kritik?" (109) and "Warum darf einer sich mit seiner Reaktion für alle öffentlich vernehmen lassen?" (109). Gadamer does not provide us with thorough answers, but he does point to Kant's Kritik der Urteilskraft to suggest that art criticism involves both a subjective question of taste and personal preference and a philosophical critique, a meta-critique, of one's perception of art.

Helmuth Kiesel's essay of narrative theory in modernity investigates Walter Benjamin's two theoretical essays "Krisis des Romans" (1930) and "Der Erzähler" (1936), in which Benjamin suggested that narrative is epigonal and conflned to the past. Kiesel explores Benjamin's obvious omission of Alfred Döblin as a modern writer, whose essay on the theory of the novel "Der Bau des epischen Werks,"(1928) is one of, if not the, most important essays of narrative theory, but also the basis for his novel Berlin Alexanderplatz (1929) and submits that Benjamin was influenced by the Russian theorist Nikolai Lesskov who argued in the mid-nineteenth Century that narrative was dead and whose works enticed Benjamin to flee modernity.

With a collection of essays as rich the one in Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation no reviewer can do all the essays justice in limited space. Horst-Jürgen Gerigk is not doubt proud of the contributions in his honor and even more in knowing that the essays will provide scholars and students of literature and philosophy insights into and enrich the discussion of the many aesthetic matters to which he has devoted his academic life.


GREGORY H. WOLF
Saint Louis University

 

Literaturwissenschaftliches Jahrbuch,
Bd. 42 (2001), Seite 500 – 504
Berlin: Duncker & Humblot

Klaus Manger (Hg.), Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation. Festschrift für Horst-Jürgen Gerigk [Beiträge zur Neueren Literaturgeschichte Bd. 164], Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter,
1999. 388 S.

Horst-Jürgen Gerigk, dessen Arbeiten zur Literaturtheorie und Hermeneutik sowie zur russischen, englischen und amerikanischen Literatur fachspezifisch wie interdisziplinär maßgebliche Anregungen zu verdanken sind, ist die von Klaus Manger herausgegebene Festschrift gewidmet. Gerigks Forschungswerk, dokumentiert durch das angefügte Schriftenverzeichnis (373-383), steckt den allgemeinen thematischen Rahmen des Bandes mit Fragen der Hermeneutik und ihrer praktischen Umsetzung in der Interpretation, in welchem sich die Beiträge namhafter Kollegen verschiedener Disziplinen - größtenteils in Auseinandersetzung mit Forschungsansätzen Gerigks - bewegen. Der Herausgeber verzichtete auf die Vorgabe eines differenzierteren Konzeptes. Auch nachträglich erstellte er keine thematische Ordnung der Beiträge, deren Heterogenität ihm nur eine alphabetische Reihenfolge möglich scheinen ließ, obwohl eine thematische - durch Anknüpfung an die Forschung des Jubilars motivierte - Schwerpunktbildung durchaus erkennbar ist. Mit geringem Aufwand hätte in Orientierung an Gerigks Forschungsgebieten ein thematisch ausgewogen gegliederter und sinnvoll strukturierter Band konzipiert werden können.

Eine Reihe von Beiträgen behandelt Fragen der Hermeneutik und Literaturtheorie. Den weitaus größten Raum nehmen jedoch Aufsätze zur Literatur des russischen Realismus ein. Gerigks komparatistischer und interdisziplinärer Tätigkeit entsprechen Beiträge zur deutschen und englischen Literatur, zur Interaktion von Literatur und Medizin, Film und Literatur sowie ein Aufsatz zur Kunst.

Den allgemeinen Vorbedingungen einer Kunst- bzw. Literaturwissenschaft geht Gerigks philosophischer Lehrer Hans-Georg Gadamer in einem Essay von 1957 nach, wo er die Frage nach dem Grund der öffentlichen Relevanz der Kunstkritik aufwirft (109-112). In der Kunsterfahrung werde die Kritik als Unterscheidungstätigkeit zur »Form der Erfahrung selbst« (110), denn die Kunst werde in der Differenz zum Alltäglichen als »seltenes Ereignis« (ebd.) wahrgenommen. Den Grund für die Existenz der Kunstkritik sieht Gadamer in dem Widerspruch zwischen der inneren Evidenz des ästhetischen Urteils, das in jeder Kunstrezeption gefällt wird und zur Mitteilung anregt, und der Unmöglichkeit, dieses Urteil anderen durch Beweisführung zur Evidenz bringen zu können. Jede Kritik werde damit zum Zeugnis für den Ereignischarakter der Kunst und gemahne daran, daß jeder diesem Ereignis in eigener Erfahrung und mit eigenem Urteil begegnen solle.

Einer kritischen Reflexion unterzieht Gadamers Hermeneutik Reiner Wiehl (355 — 371). Er stellt in seinem Beitrag Gemeinsamkeiten und vor allem Differenzen zwischen Adornos Ästhetischer Theorie und Gadamers hermeneutischer Ästhetik heraus, wobei er sich vor allem auf die Begriffe der Wahrheit, des Werks und der Kunst konzentriert. Am Beispiel der Architektur übt er Kritik am Werkbegriff beider Autoren, welcher der »Offenheit« (370) des architektonischen Werkes und seiner möglichen unmittelbaren Verständlichkeit nicht gerecht werde.

Gerigks eigene Studien zur Literaturtheorie sind in einer Auseinandersetzung mit Gadamer entstanden. Die Bedeutung Gerigks für die Literaturtheorie erkennt Joseph P. Strelka in dem Ansatz, das literarische Werk in den Mittelpunkt zu stellen und die literaturtheoretischen Ansichten aus der Textinterpretation selbst zu gewinnen und an ihr zu prüfen (285-298). Gerigk zeige die Möglichkeit interpretatorischer Objektivität, die in der reflektierten Interaktion von Leser und Textwelt gleichermaßen der Gefahr einer Sinnreduktion durch Wertverabsolutierung sowie der einer Sinnrelativierung durch dekonstruktive Subjektivität entgegenwirke.

In Fortführung der Arbeiten Gerigks entwickelt Volker Bischoff einen hermeneutischen Ansatz, in welchem das psychoanalytische Konzept der Gegenübertragung auf die Beziehung Leser - Text angewandt wird (9-22). Eine solche Textinterpretation verwehre sich gleichermaßen einem »zentripetalen Verstehen« (9), das auf Objektivität der Interpretation bei Neutralität des Interpreten dogmatisch beharre, wie der Willkür eines »zentrifugalen Verstehens« (9), das die Subjektivität des Lesers verabsolutiere.

Gerigks Dissertation über den Roman Podrostok (Der Jüngling) bildet den Auftakt seiner Dostoevskij-Studien. Drei der Beiträge greifen diesen Forschungsschwerpunkt des Jubilars auf: Victor Terras zeigt Grundprinzipien und Verfahren der Kunst in Dostoevskijs »Prestuplenie i nakazanie« (»Verbrechen und Strafe«) (299-314). Malcom V. Jones untersucht das Motiv rivalisierender Frauen in den Romanen Dostoevskijs, wobei er Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Gestaltung des Motivs bei Schiller, Sue und Sand nachgeht (159 – 169). Die Rivalitätsszene diene bei Dostoevskij meist der Konturierung psychischer sowie philosophischer Hintergründe und werde als Prüfstein für Ideen und Illusionen eingesetzt. Rudolf Neuhäuser sieht in der Lüge ein Leitthema im Werk Dostoevskijs (247-263). Dostoevskij kritisiere, daß aus einem »falschen Geschichtsbewußtsein« der Russen ein »Umlügen der Wirklichkeit« hervorgehe (262). Neuhäuser ist der Ansicht, daß Dostoevskij jedoch selbst wiederum der Lüge erliege, denn sein Gegenentwurf stelle ein ideologisches Konstrukt der Wirklichkeit dar, das sich mit seinem Anspruch auf Wahrheit notwendig in Lüge verkehre.

Eine besonders anregende Untersuchung zum russischen Realismus stammt von einem Nichtslavisten, dem Göttinger Philosophen Konrad Cramer, der eine Weiterentwicklung der Interpretation Gerigks von Lev Tolstojs Roman Vojna i mir (Krieg und Frieden) versucht (67-91). Cramer weist die These, daß dem Französischen eine ideologiekritische Funktion zukomme, welche den Schein- und Geredecharakter der Welt sinnenfällig aufdecke, als unzureichend zurück und deutet die Bilingualität des Romans als Entsprechung zur »Ambiguität seiner Botschaft« (90). Diese Botschaft findet er in der anthropologischen Idee, daß zwar einerseits eine Kritik des menschlichen Bedürfnisses nach Selbstinszenierung und Ästhetisierung des Lebens in einer Scheinwelt vorgenommen werde, aber andererseits jedoch gleichzeitig die Dekonstruktion der Scheinwelt dadurch Ambivalenz annehme, daß das ästhetische Bedürfnis als dem menschlichen Leben selbst immanent dargestellt werde, so daß die Aufhebung des Scheins nur im Tod zu erreichen sei.

Vier weitere Untersuchungen sind der russischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts gewidmet. Olga Meerson interpretiert Nikolaj Leskovs Transformation von Symbolen und Motiven der Johannesoffenbarung in seiner Erzählung »Zapečatlennyj angel« (»Der versiegelte Engel«) (231 -246). Erste Ansätze zu einer »Typologie des Phantastischen« (54) in den Erzählungen Ivan Turgenevs entwirft Michel Cadot (53 - 65). Den Grund für die sonderbar invertierte Form des Ich-Erzählers in Čechovs Erzählung »Šutočka« (»Ein kleiner Scherz«), der anstelle seiner Innenwelt die der Protagonistin und sich selbst eher aus der Außerperspektive schildert, deckt Robert Louis Jackson auf (151 -158): Der Erzähler projiziere seine eigenen psychischen Probleme auf die Protagonistin und offenbare auf diese Weise seine Erzählung als unbewußte Beichte seiner Angst vor der Liebe. Peter Thiergen leistet eine kenntnisreiche Darstellung der Entwicklung, die der Topos der »gleichgültigen Natur« erfahren hat, wobei er primär Beispiele aus der russischen Literatur heranzieht (315-334).

Einen dritten Schwerpunkt des Bandes bilden die Beiträge zur deutschen Klassik und Romantik. In seinem lange stiefmütterlich behandelten Lustspiel »Der Groß-Cophta« beabsichtige Goethe, wie Klaus Manger ausführt, ein »Mahnmal« (207) zu errichten, das die aus Leichtgläubigkeit erwachsenden Gefahren vor Augen stelle und die Neigung zu Korruption auch in den »Spitzen der Gesellschaft« (228) anprangere (207-230). Armin Westerhoff versucht, in Novalis' Fragmenten »Vermischte Bemerkungen« bzw. »Blüthenstaub« Grundzüge einer Hermeneutik nachzuweisen, die erkenntnis- und kommunikationstheoretische sowie poetologische und soziale Dimensionen des Verstehens umfasse und ihr Ideal in der »erweiterten Autorschaft« (335), der Fortsetzung der Autorschaft im Interpretationsprozeß des Lesers, habe (335-354). Der Arzt Wolfram Schmitt zieht Parallelen zwischen dem Verlauf von Hölderlins psychotischer Krankheit und dem Stilwandel seiner Lyrik, wobei er jedoch den Blick für die hohe, auf die Lyrik eines Paul Celan vorausdeutende literarische Aussagestärke gerade der extrem hermetischen, sprachlich verdichteten Werke verstellt, indem er sie als Krankheitssymptome der ersten Phase der Psychose bewertet (265-283). Helmuth Kiesel hinterfragt die These des bekannten Essays »Der Erzähler« von Walter Benjamin, daß die Erzählkunst mit Nikolaj Leskov beendet sei. Den Grund für Benjamins Verschweigen der Verdienste moderner Autoren wie etwa Döblins, an dessen Werk er nachweislich seine Kriterien der Erzählkunst entwickelt habe, sucht Kiesel in der politischen Einstellung Benjamins.

Die englische Literatur ist mit zwei Beiträgen vertreten. Norbert Greiner erweist auf der Grundlage einer theoretischen Bestimmung von »Alltag« und »Alltagssprache« als Eigentümlichkeit der Dramen Harold Pinters die Dominanz phatischer und metasprachlicher Kommunikation, die als »Instrument und Waffe« (132) eingesetzt werde und die jeweiligen Machtverhältnisse zwischen den Charakteren zum Ausdruck bringe (113-149). Dietrich v. Engelhardt zeichnet die medizinhistorische Entwicklung in ihrer Interaktion mit der Literatur nach, wobei er Texte der Weltliteratur mit medizinischen Themen Revue passieren läßt; besondere Berücksichtigung findet Charles Dickens' A Tale of Two Cities (93-107).

Nur drei Beiträge lassen sich nicht ohne weiteres einer thematischen Gruppierung zuordnen. Ihnen ist gemeinsam, daß sie über die Grenzen einer Philologie bzw. der Literaturwissenschaft hinausgehen. Dieter Borchmeyer gibt einen informativen Überblick über Richard Wagners Wirkung auf die Literatur der europäischen Frühmoderne (37-51). Franz Loquai stellt ein intermediales Modell typologischer Analogien zwischen (Spiel-)Film und (Erzähl-)Text vor, welches die Entwicklung der beiden Medien von der Moderne zur Postmoderne unter dem Gesichtspunkt der Selbstreflexivität erfaßt (181 -205). Loquai kommt zu dem - nicht erstaunlichen - Ergebnis, daß sich eine zunehmend selbstreflexive Tendenz in beiden Medien abzeichnet, die auf eine Umkehrung der Funktion traditioneller Illusionstechniken, also auf eine Aufhebung der Differenz zwischen Realität und ihrer fiktiven Simulation, abzielt und sich mit einem Katalog postmoderner Kriterien beschreiben läßt. Eine überzeugende Interpretation von Barnett Newmans Bild »Vir heroicus sublimis« stellt Gottfried Boehm vor (23-35). Das Bild verweigere sich einer »anschaulichen Synthese« (31) und konfrontiere den Betrachter mit einer Erfahrung der Totalität und Leere, die der ästhetischen Kategorie des »Erhabenen« entspreche. Damit greife Newman einen Ansatz der europäischen Kultur auf, verwandele ihn aber dergestalt, daß anstelle bildlicher Repräsentation des Sublimen »das Bild selbst zum Auslöser der sublimen Erfahrung« (32) werde.

Die – auch optisch ansprechend gestaltete – Festschrift für Horst-Jürgen Gerigk vereint ein breites Spektrum anregender Arbeiten, das eindrucksvoll die über Fachgrenzen hinausgehende Wirksamkeit und Fruchtbarkeit der vielseitigen wissenschaftlichen Tätigkeit des Jubilars vor Augen führt.

 

Henrieke Stahl-Schwaetzer, Trier

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