Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk
Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk

Rezensionen

Horst-Jürgen Gerigk

Lesen und Interpretieren

 

Dritte Auflage

Heidelberg: Mattes Verlag 2013
192 Seiten. 16,- Euro

ISBN: 978 – 3 – 86809 – 083 – 3

Kann beim Verlag bestellt werden:

Verlag@mattes.de

Enthält Interpretationen von Puschkins „Der Schneesturm“ und Hemingways „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, plädiert für den Universalitätsanspruch des barocken Emblems und aktualisiert das Konzept des „Vierfachen Schriftsinns.“

Anwendung auf einen mexikanischen Autor der Gegenwart

 

Informationen zu „Lesen und Interpretieren“

Die verständlich geschriebene Einführung in den wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Texten von 2002 erschien bereits 2006 in zweiter Auflage. Für die didaktische Eingängigkeit der Darlegung spricht auch die Aufnahme des Kapitels „Literatur und Geschichte“ in ein Schulbuch des Landes Sachsen: Facetten. Deutsch für die Oberstufe. Lese- und Arbeitsbuch Sachsen, erarbeitet von Heike Henninger, Michael Höhme, Ines Meltke. Stuttgart und Leipzig: Ernst Klett Verlag 2008. ISBN 978 – 3 – 12 – 350436 – 5. Dem Autor gelingt es, auch theoretischen Überlegungen durch Einbeziehung literarischer Texte eine hohe Anschaulichkeit zu verschaffen. So wird etwa der „vierfache Schriftsinn“ am Beispiel von Hemingways Erzählung vom Kurzen glücklichen Leben des Francis Macomber vor Augen geführt. Der Leitbegriff der „poetologischen Differenz“ erhält durch Puschkins Spiel mit der Trivialliteratur im Schneesturm und durch Shakespeares Hamlet die einschlägigen Demonstrationen, angelegt auf Begeisterung für die Leistungen der großen Dichter. Zahlreiche Textbeispiele wurden der deutschen Literatur entnommen. Gryphius und Kafka fehlen so wenig wie Lili Marleen und Der Knabe im Moor. Selten sind so viele technische Finessen literarischer Gestaltung in ein so helles theoretisches Licht gestellt worden. Mephistos Diktum „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“ findet hier auf Schritt und Tritt seine Widerlegung.

Horst-Jürgen Gerigk: Lesen und Interpretieren, 192 Seiten, 19,80 Euro.
ISBN 13: 978 – 3 – 8252 – 2323– 6, ISBN 10: 3 – 525 – 03218 – 8
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Auflage 2006 ( = UTB für Wissenschaft 2323)

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Seite 40 / Montag, 28. April 2003, Nr. 98

Poetologische Wurzelbehandlung
Treue zum Text: Horst-Jürgen Gerigks Fundamentalontologie


Kaum etwas ist erfüllender für den Leser eines literarischen Textes, als plötzlich zu erkennen, wie bestimmte Effekte erzielt werden. „Seine eigene Stimme stieg gellend auf - und er war wach." Sätze wie dieser aus Richard Beer-Hofmanns „Der Tod Georgs" befreien uns nachträglich von dem angestauten Zweifel, ob die vorangehende Schilderung Traum oder Wirklichkeit war. Nicht immer wird man davon aber so ausdrücklich erlöst wie hier. Die Grenzen zwischen verschiedenen fiktionalen Wirklichkeitsebenen können so raffiniert verwischt sein, daß sie - je nach Maßgabe von Leseerfahrung und Scharfsinn - erst nach Verlassen der erfundenen Welt deutlich werden. Das Bemühen um Verständnis zielt dabei immer auf die Frage, wie ein Stück Literatur eigentlich gemacht ist.

Der Komparatist Horst-Jürgen Gerigk ist ein Literaturtheoretiker, der hartnäckig Antworten auf solch elementare poetologische Fragen sucht. Heidegger und Gadamer sind die Leitsterne, die ihm den Weg zu seiner Radikalhermeneutik weisen. Schon in seiner Grundlegung „Unterwegs zur Interpretation" (1989) hat er erfrischenden Mut für die unzeitgemäße Betrachtung naheliegender, aber schwieriger Probleme bewiesen. Gegen die auf internationalen Methodenmärkten gemachten wohlfeilen Angebote zum „zentrifugalen Verstehen", das psychologisch, soziologisch, historisch, biographisch oder sonst wie von der Literatur wegführt, entwickelt er in diesem Buch eine Theorie des „zentripetalen Verstehens", das ausschließlich das Werk ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Die strikte Konzentration auf den Text statt den Kontext prägt auch das neue Universitätstaschenbuch. Zwar soll es zur „Einführung in den Umgang mit literarischen Texten" dienen, unterscheidet sich aber von dem Großaufgebot unorigineller Interpretationsleitfäden durch eine eigenwillige, fast philosophische Grundsätzlichkeit.

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht der Begriff der „poetologischen Differenz". Erst mit zunehmender Übung lernt ein Leser, zwischen inner- und außerfiktionalen Realitäten zu unterscheiden und auf der Suche nach Gründen für ein Geschehen zwischen ihnen hin und her zu wechseln. Wie bei einem Vexierbild ist das nötig, um die Intention zu begreifen. Erst die Außenperspektive auf das poetische Ganze macht es häufig möglich, die innere, psychologische, subjektive Logik der Dichtung zu verstehen, beispielsweise Träume, Visionen, Gedankenspiele innerhalb der Fiktion offenzulegen. Anhand klug gewählter und interpretierter Beispiele aus der europäischen Literatur kreist Gerigk um diese Differenz zwischen Innen und Außen. Anschaulich machen läßt sie sich im Emblem: Das im Bild dargestellte Geschehen ist nicht für sich verständlich, erst nach Lektüre der darunter befindlichen Erläuterung begreift man, was die Pictura lehren und das Motto ankündigen will. Wie beim Emblem bleibt dem poetischen Text die Überschrift äußerlich, sie gehört nicht zu dessen Wirklichkeit, die Subscriptio als außerfiktionale Begründung fehlt in der Literatur sogar ganz und muß vom Leser erschlossen werden.

Um zu diesem „Intentum" zu gelangen, ist möglichst gründlich zu prüfen, wie der Text handwerklich gemacht ist. „Alles, was in einem Kunstwerk geschieht", so Gerigk, „geschieht nur, um sich dem Betrachter zu zeigen." Jedes Detail zählt, alles will beachtet sein. Die Aufdeckung sämtlicher innerer Kunstgriffe - im Unterschied zur äußeren Form - ist dafür grundlegend, führt aber noch nicht zum eigentlichen Kunstgehalt. Dieser offenbart sich erst, wenn der dargestellte Gegenstand in die Welt von erlebter Zeit und erlebtem Raum eintritt.

In diesem Stadium verbindet Gerigk den Interpretationsakt mit dem Denken Heideggers. Literatur ist eine bereits verstandene, innere Welt, die mit dem äußeren Verständnis des Lesers in ein spielerisches Verhältnis gerät. Zur notwendigen Vermittlung zwischen Innen und Außen entwickelt Gerigk so etwas wie eine Tafel elementarer Kategorien, die den Bezug zur Welt strukturieren: Dazu gehören Raum und Zeit, auch Schmerz, Furcht oder Angst. Solche Existentiale versucht er aber zu keinem geschlossenen System auszubauen. Viel eher entwickelt er seine aus Vorlesungen hervorgegangene poetologische Fundamentalontologie rhapsodisch am Leitfaden prägnanter Textstellen, die mit einer heute aus der Mode gekommenen strikten Immanenz interpretiert werden. Gerade diese traditionelle Treue zum Text, die literarischem Raffinement zu neuer Transparenz. verhilft, macht den besonderen Charme dieses Buches aus. 

 

Alexander Košenina


Horst-Jürgen Gerigk: „Lesen und Interpretieren". Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002. 192 S., br., 19,90 €.

 

Neue Zürcher Zeitung
Samstag/Sonntag, 16./17. August 2003 • Nr. 188, S. 37

Der vierfache Schriftsinn
Horst-Jürgen Gerigk über das Verstehen


Der Heidelberger Komparatist Horst-Jürgen Gerigk hat bereits 1975 einen «Entwurf einer Theorie des literarischen Gebildes» vorgelegt, der die Einsichten der philosophischen Hermeneutik für die konkrete literaturwissenschaftliche Interpretationsarbeit fruchtbar macht. In den folgenden Jahren hat Gerigk seine Theorie weiterentwickelt und ihre Leistungsfähigkeit in zahlreichen Textanalysen nachgewiesen. Nun ist ein Taschenbuch erschienen, in dem Gerigk unter dem Titel «Lesen und Interpretieren» die wichtigsten Aspekte seines Ansatzes zusammenfaßt. Ins Zentrum seiner Überlegungen stellt er das Konzept der «poetologischen Differenz». Gemeint ist damit der Unterschied zwischen innerflktionaler und ausserfiktionaler Motivierung eines literarischen Sachverhalts - die deutende Explikation dieses Unterschiedes führt auf den sinnhaften Kern eines Textes. Gerigk erläutert sein Vorgehen am Beispiel von Shakespeares «Hamlet»: Der Prinz von Dänemark ersticht Polonius, der sich hinter einem Vorhang versteckt hält. Die innerfiktionaler Begründung für diesen Mord lautet: Hamlet hat sich geirrt; er wollte eigentlich Claudius, den Mörder seines Vaters, umbringen. Die ausserfiktionale Begründung rückt nun die fatale Endlosschleife der Rache in den Blick: Hamlet muss Polonius töten, damit er selbst in die Rolle des Mörders gerät - am Ende des Stücks wird Hamlet von Polonius' Sohn umgebracht.

In einem weiteren Kapitel plädiert Gerigk für die Wiederbelebung des vierfachen Schriftsinns in der Literaturwissenschaft. Jeder Interpretation liegt der «Literalsinn» zugrunde, der die Grenzen einer fingierten Wirklichkeit absteckt. Darüber erhebt sich der «allegorische Sinn», der als Wahrheitsentwurf mit normativem Anspruch verstanden werden kann. Nach der Analyse der wertsetzenden Individualität des Autors muss sich die Interpretationsarbeit dem Leser zuwenden: Die variablen Rezeptionsbedingungen eines Texts müssen als «tropologischer Sinn» reflektiert werden, der den allegorischen Sinn in jedem einzelnen Leseakt aktualisiert. Schliesslich gilt es, den «anagogischen Sinn» herauszuarbeiten - hier geht es kantisch gesprochen um die Bedingungen der Möglichkeit eines literarischen Gebildes: Der Interpret ist aufgerufen, die konkrete Struktur eines Textes vor dem Hintergrund der Gestaltungsmöglichkeiten von Kunst überhaupt zu analysieren. Im hermeneutischen Zusammenspiel des vierfachen Schriftsinns erschliesst sich dem Interpreten die Seinsweise eines literarischen Textes. Gerigk formuliert in seinem Buch ein originelles und differenziertes Literaturverständnis und entlarvt die ausschliesslich handlungsorientierte Lektüre als naive Illusion, Nicht nur Literaturstudenten, auch anspruchsvolle Leser finden hier die unerlässlichen Grundlagen für jene Kognitionsleistung, die das Lesen zu einer sinnstiftenden Tätigkeit macht - das Verstehen.

Ulrich M. Schmid


Horst-Jürgen Gerigk: Lesen und Interpretieren. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002. 192 S., Fr. 33.50.

 

Zeno. Jahrheft für Literatur und Kritik, Heft 25 (2003)

S. 96 – 104. Weingarten (Württ.)

 

Joachim Vahland

Der Text als Theodizee

Lektionen für Leser

 

Against Interpretation heißt ein inzwischen legendärer Essay von Susan Sontag, dessen Titel sogleich als Parole die Runde machte. Das war 1964, und es sollte gut ein Jahrzehnt vergehen, bis Paul Feyerabend mit Against Method das philosophische Hauptstück nachlegte. Beide Texte dürfen für sich Prädikate wie ,kritisch’, ,interessant’, vieldiskutiert’ beanspruchen, und damit rangieren sie auf der Prestigeskala der Diskursgesellschaft ganz oben. Sontag gilt seither als Intellektuelle, während Feyerabend bis zu seinem Tod auf Betriebsfesten (Kongressen u. ä.) den gern gesehenen Outlaw gab und dem akademischen Publikum nahebrachte, was der Österreicher unter ,Schmäh’ versteht.

 

Susan Sontags Essay hat seinerzeit und auch später noch viele Leser gefunden, die spontan überliefen, um fortan Deutungsabstinenz zu üben. Einer von ihnen war Hans Magnus Enzensberger, der 1976 in der FAZ unter dem so ironischen wie unsinnigen Titel Ein bescheidener Vorschlag zum Schutz der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie eine muntere Polemik nachlegte, in der er ziemlich ausführlich aus Against Interpretation zitiert (und nebenbei beweist, daß er beileibe kein Swift ist). Enzensbergers Spott galt den Deutschlehrern und allen anderen beamteten Germanisten, die der „idée fixe von der richtigen ‚Interpretation’“ anhängen. Dagegen wird nun - es war die Hoch-Zeit der Rezeptionsästhetik - der Leser ins Recht gesetzt: „Wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen, kommt es zu zehn verschiedenen Lektüren. Das weiß doch jeder. In den Akt des Lesens gehen zahllose Faktoren ein, die vollkommen unkontrollierbar sind:

 

die soziale und psychische Geschichte des Lesers, seine Erwartungen und Interessen, seine augenblickliche Verfassung, die Situation, in der er liest - Faktoren, die nicht nur absolut legitim und daher ernst zu nehmen, sondern die überhaupt die Voraussetzung dafür sind, daß so etwas wie Lektüre zustande kommen kann. Das Resultat ist mithin durch den Text nicht determiniert und nicht determinierbar. Der Leser hat in diesem Sinn immer recht, und es kann ihm niemand die Freiheit nehmen, von einem Text Gebrauch zu machen, der ihm paßt. [...] Die Lektüre ist ein anarchischer Akt.“

 

Derart basisdemokratisch geläutert, gelingt umstandslos die Verwandlung der Texte in sinnliberale Gebilde, während sich die vorherrschenden Interpretationsgepflogenheiten, denen Enzensberger eine erkleckliche Zahl von Preisen verdankt, als solche der Herrschenden entlarvt sehen. Die Deutschlehrer waren dann auch sofort geständig, verfielen in ein kollektives ,mea culpa’, streuten Asche auf ihre Häupter, und so fand das Pamphlet den Weg in manche Lesebücher (die jetzt auch gern, gleichermaßen abschreckend wie abwegig, Arbeitsbücherheißen) - und wie man inzwischen erfahren mußte in noch mehr Schülerköpfe, die den Text nicht zu Unrecht als Rechtfertigung literarischer Legasthenie verstanden.

 

Eine gute Polemik ist leicht daran zu erkennen, daß es unter der rhetorischen Politur ernsthaft zur Sache geht. Insofern ist Enzensbergers Belustigung grottenschlecht: Warum Leser immer wieder zu bestimmten, verschiedenen Büchern greifen, obgleich doch der Text die Lektüre in keiner Weise zu ‚determinieren’ vermag, muß da ebenso schleierhaft bleiben wie der offenbar masochistische Ehrgeiz von Autoren (darunter in vorderster Front natürlich auch unser Polemiker), möglichst viele Leser anzuziehen, um ihnen (grotesker Gedanke) womöglich etwas zu vermitteln. Enzensbergers Lektüre seiner Gewährsfrau beweist dann auch, daß Anarchie leicht zu Absencen führt.

 

Against Interpretation ist ein kunstpolitisches Manifest, das ex cathedra betreibt, was doch angeblich exkommuniziert gehört. Gegen Ende gesteht Sontag dann auch ein, daß Kunstwerke sehr wohl erläutert werden könnten (der Radikaltitel ist also Teil des Marketings), denn tatsächlich geht es ihr um einen unter den Bedingungen permanenter Reizüberflutung angemessenen Umgang mit Kunstwerken: „Heute geht es darum, daß wir unsere Sinne wiedererlangen. Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“ Wie das geschehen könne, unter den geschilderten Bedingungen zumal, bleibt dann ungesagt, und so erschöpft sich dieser Essay in der lauten Artikulation eines lauen Unbehagens, das jeder irgendwann, irgendwie auch schon einmal empfunden hat.

 

Sontags Polemik wie die ihres ganz anders orientierten Kopisten sind Schnee von gestern - und zugleich aktuell als Dokumente der Desorientierung und willkürlicher Urteilsfindung, in denen sich - vorurteilsbesetzt und reflexhaft -- die Krise moderner Ästhetik artikuliert, die das Auratische des ,Werks’ zu konservieren sucht, während sie zugleich den Idolatrien des Subjektivismus huldigt. „Interpretieren“, kann Sontag da resümieren, „heißt die Welt arm und leer machen - um eine Schattenwelt der ‚Bedeutungen’ zu errichten“. Und deshalb gelte es, reinen Tisch zu machen: „Die Welt, unsere Welt, ist leer und verarmt genug. Weg mit all ihren Duplikaten, bis wir wieder unmittelbar erfassen, was wir haben.“ Die modernen Barbaren laden zum Bildersturm, ihr Kult der ,Unmittelbarkeit’ zeugt von der unschuldigsten Gesinnung - die sich weigert anzuerkennen, daß jedes Artefakt seinerseits interpretierend verfährt, daß der Begriff der Kunst, des Kunstwerks inzwischen ein Wertbegriff geworden ist. Derart anästhesiert, fällt es dann leicht, Privatmeinungen als Weltgeist zu prostituieren: „Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft uns nervös zu machen.“ Alles Nonsens; nervös macht hier allein der Ostküsten-Ballyhoo einer Lobbyistin der Avantgarde, die mit unfehlbarem Gespür Pointen verhaut.

 

Von jeher ist die ästhetische Provinz mit Gesetzestafeln selbsternannter Richter umstellt, die dem Schönen, nicht anders als dem Wahren und Guten, heimzuleuchten wissen: Kunst ist Religion - also auch Politik. Die Distanz zwischen Platon und der Moderne ist da kürzer, als man gemeinhin glaubt.

 

***

 

Warum tötet Hamlet Polonius? - Vermutlich würde Enzensberger die Antwort dem Leser überlassen, der schließlich mit der bezahlten Ware verfahren kann, wie es ihm gefällt. Sontag hingegen lehnte die Frage wohl rundweg ab, um sich zunächst einmal für die dargestellte Tat angemessen zu sensibilisieren, wenn auch mit zunehmender Nervosität. Dem verständigen Leser hingegen leuchtet die Frage sofort ein, und er wird mit der Antwort nicht lange zögern: Weil Hamlet irrtümlich Polonius für den Mörder seines Vaters hält. Was aber, so läßt sich darüber hinausgehend fragen, führt Shakespeare mit dieser Szene im Schilde, warum gestaltet er sie überhaupt? Die Beantwortung dieser Frage wird nicht gelingen ohne intime Vertrautheit mit den personalen Konstellationen und einem spürsicheren Vorgriff auf den Bedeutungskern des Werks. Hier fündig zu werden bedarf es neben ästhetischer Schulung auch und vor allem einer spezifischen Begabung, eines Sesam-öffne-dich-Blicks, dem plötzlich jene Evidenz widerfährt, die wir an den großen Detektiven bewundern, wenn sie uns den Zusammenhang zwischen Verbrechen und Vernunft plausibel machen. Das Kunstwerk nämlich widerstreitet der gebrechlichen Einrichtung der Welt, selbst dort, wo sie zur Darstellung gelangt: In ihm jedenfalls, als absichtsvollem Gebilde, geht es vernünftig zu - dem chaotischen Augenschein der Welt zum Trotz.

 

Was nun die eben gestellten Fragen betrifft, so gilt hier vorab dies festzuhalten: Jeder, der sich überhaupt auf sie einläßt, tut dies unter der Voraussetzung, daß allein der Text die Antworten enthält; daß die Aufgabe des interpretierenden Lesers deshalb in nichts anderem bestehen kann, als diese Antworten zu entdecken - nicht hingegen, sie in mißverstandener Souveränität (die in diesem Fall Ahnungslosigkeit gleichkäme) womöglich zu ,erfinden’. Daran ist gerade unter den Bedingungen eines sich offenbar von selbst verstehenden Perspektivismus zu erinnern: Die Nonchalance, mit der Interpreten literarischer Werke in verquasten Erklärungen sich zu einem Erkenntnisinteresse bekennen, zu einer bestimmten Perspektive, geht selten einher mit dem pünktlichen Ausweis der für die Bedeutungserschließung exklusiven Funktion dieses Interesses, dieser Perspektive. Das auch von Susan Sontag geteilte Credo Nietzsches, wonach es keine Tatsachen, nur Interpretationen gebe, macht in seinem mißverstandenen Kantianismus den Begriff der ‚Interpretation’ zunichte, weil so gar nicht mehr gesagt werden könnte, was da eigentlich interpretiert wird: Jede Interpretation bleibt angewiesen auf ein relationales ‚Datum’, das allein ihren Status zu legitimieren vermag.

 

***

 

Die Hamlet-Szene ist das Paradebeispiel des Heidelberger Slawisten Horst-Jürgen Gerigk, der in seiner gleichnamigen Monographie an ihr den Unterschied zwischen Lesen und Interpretieren (Göttingen 2002) verdeutlicht.

 

Wie bereits in zwei früheren Veröffentlichungen - Entwurf einer Theorie des literarischen Gebildes (1975), Unterwegs zur Interpretation (1989) - geht es Gerigk um eine Verteidigung der Würde des Kunstwerks. Das macht diese Schriften durch und durch polemisch – zu Einsprüchen gegen eine reduktionistisch agierende Textwissenschaft, die das ästhetische Gebilde einem Indizienprozeß ausliefert, um es so seiner ,Uneigentlichkeit’ zu überführen. Die Lektüre ist solch tendenziell denunziatorischem Interesse lediglich Mittel zum Zweck, aufwendig inszenierte Ringfahndung nach einem dem Autor unbewußten Subtext, dessen semantische Botenstoffe es zunächst zu markieren, dann zu neutralisieren gilt. Die reduktionistische Wissenschaft vom Text kommt damit gegenwärtigen Aufklärungsbedürfnissen entgegen, die nur noch selten über den Horizont von Kammerdienern hinausreichen. Das Kunstwerk soll danach Zeugnis ablegen: über den Autor, die Gesellschaft, Geschlechterrollen und Interessenpolitik - also schlechthin über alles, um am Ende in jenen Klartext übersetzt zu werden, dessen platte Verständigungsprosa ästhetische Stumpfheit mit ,Wissen’ prämiert.

 

Ähnlich wie Sontag (und doch ganz anders: nämlich argumentierend) rückt Gerigk den modernen Ikonen des reduktionistischen Verfahrens –Marx und Freud – zu Leibe; die in Unterwegs zur Interpretation vorgelegten Erledigungen dürften in ihrer bündigen Schärfe kaum ihresgleichen finden. Ungleich gewichtiger fällt allerdings die ebendort ausgetragene Kontroverse mit der Gadamerschen Hermeneutik aus, eine Kritik, die sich über weite Strecken in den Bahnen verständnisinniger Affirmation bewegt - und schließlich dort, wo es drauf ankommt, den Nachweis ästhetischer Inkompetenz führt. Was ist der Stein des Anstoßes? Kurz gesagt, ist es der Subjektivismus eines nur vermeintlich dialogischen Verstehensbegriffs, der die Generierung des jeweiligen Textsinns kurzschließt mit der historischen Situation des Verstehenden als Determinante und darüber die Eigensinnigkeit des literarischen Werks mißachtet. Solchem, wie Gerigk es nennt, zentrifugalen Verstehen, wird hier radikal widersprochen: „Ein Gespräch des Lesers mit dem Text findet nicht statt, denn der Leser hat jetzt nichts mehr zu sagen; alles, was zu sagen ist, sagt das literarische Kunstwerk.“ (Unterwegs, S. 156)

 

Aber ist dieses zentripetale Verstehen wirklich mehr als die Beschreibung eines die Identität des Werks wahrenden Idealtypus, dessen Verwirklichung aufgrund der für jedes Verstehen konstitutiven Bedingungen, also jener von Gadamer beschriebenen ,Vorurteile’, eine schöne Utopie bleiben muß? Die vagen und porösen Bestimmungen dieser Vorurteilslehre können hier beiseite bleiben; auch die Tatsache, daß wir als Verstehende kein unbeschriebenes Blatt sind, bedarf keiner weiteren Ausführung. Für Gerigk jedenfalls - und das liegt in der Konsequenz seiner Vorstellung vom zentripetalen Verstehen - ist die Historizität allen Verstehens insofern irrelevant, als das Kunstwerk zu jeder Zeit in gleicher Weise zugänglich bleibt wie z.B. ein mathematischer Lehrsatz.

 

In Lesen und Interpretieren werden die polemischen Streifzüge fortgeführt: gegen die literaturgeschichtlichen Registraturen, gegen den Realismus als ästhetisches Kriterium – wie zuletzt gegen jede faktenselige Beerdigung der Texte in herbeizitierten ,Kontexten’ und ,Materialien’. Worum es hier geht, betrifft ja nicht allein die akademischen Disziplinen mit ihren invertierten Diskurskulturen, sondern gleichermaßen das bornierte öffentliche Gerede über Literatur, dem sogenannte ,Edelfedern’ Stichworte und Benotungen liefern. Gerigk setzt dagegen seinen Begriff von Interpretation, der eine strikte Orientierung am Text verlangt und schlicht Objektivität einfordert. Aus dem unendlichen Meer der Erkenntnisinteressen kann danach nur eines vor diesem kritischen Maßstab bestehen - das Interesse an Erkenntnis, und zwar des Gegenstandes: „Literaturwissenschaft im strengen Sinne hat es ausschließlich mit dem Werk zu tun. Sobald sie sich dem Autor zuwendet, wird sie zur Schaffenspsychologie, sobald sie sich dem Leser zuwendet, wird sie zur Rezeptionspsychologie.“ (130)

 

***

 

Gerigks kleines Organon für eine ,reine’ Literaturwissenschaft operiert im wesentlichen mit der Ausdifferenzierung des Begriffs der poetologischen Differenz, den er zugleich als „Leitbegriff des tatsächlichen Umgangs mit Literatur“ identifiziert: „Die poetologische Differenz ist die Differenz zwischen der innerfiktionalen Begründung und der außerfiktionalen Begründung eines innerfiktionalen Sachverhalts.“ (17) Die Interpretation von Puschkins Erzählung Der Schneesturm liefert dabei, neben der Polonius-Szene, ein besonders anschauliches Beispiel für die Leistungsfähigkeit des Begriffs: „Der Fremde gerät in die Holzkirche, weil er sich im Schneesturm verirrt hat. In Wahrheit aber wird der Schneesturm von Marja erträumt (d. h. von Puschkin erfunden), damit sich der Fremde verirrt und in die Holzkirche gerät. Wer die poetologische Differenz denkt, wird also jeden innerfiktionalen Sachverhalt auf ein zweifaches Weil ansehen: ein innerfiktionales Weil und ein außerfiktionales Weil. Für den Leser wird das außerfiktionale Weil erst ersichtlich, nachdem das innerfiktionale Weil nachvollzogen worden ist.“ (25) Die innerfiktionale causa efficiens (das ist der berühmte ,rote Faden’, dem der Leser getreulich folgt) erfährt ihre ,Aufhebung’ in der causa finalis. Sie zu entdecken bleibt dem distanzierten Interpreten vorbehalten; indem sie die causa efficiens determiniert, verwirklicht sich in ihr das Intentum des Werks.

 

Was literarische Texte von anderen unterscheidet, ist ihre Endlichkeit. Als geschlossene Gebilde sind sie nicht revidierbar, ihre Welt ist autonom - und nach Gerigks entschiedener Meinung ist es (außerfiktional gesehen) auch eine Welt ohne Zufälle: Der Text ist die ins Werk gesetzte Theodizee, Schöpfung einer so bewußt wie kontrolliert agierenden Intelligenz, und deshalb ist er auch „zu absoluter Verständlichkeit fähig“ (57). Die Aufgabe des Interpreten wird dann deutlich genug mit einer Anleihe aus Hegels Logik bestimmt: „Die poetologische Differenz zu denken, ist tatsächlich nichts anderes, als die Gedanken des Autors vor seiner Schöpfung (Dichtung) zu denken.“ (31) In einer ingeniösen Aktualisierung der Lehre vom vierfachen Schriftsinn findet Gerigk die seinem Kernbegriff angemessene Methode, von der er eingesteht, daß die „hier vorgenommene Säkularisierung des vierfachen Schriftsinns [...], recht besehen, eine Sakralisierung des Kunstwerks bedeutet“ (126).

 

Das hat gewiß Pfiff- und zugleich einen leichten Stich ins Extravagante. Daß ein literarischer Text absolut verständlich sein könne, war schon in Schleiermachers Verpflichtung der Hermeneutik auf ein „vollkommenes Verstehen einer Rede oder Schrift“ eine ganz und gar unverständliche Behauptung, für deren Einlösung sich auch kein Kriterium angeben ließ. Da scheint ein rationalistisches Theologoumenon im Hintergrund Theorieregie zu führen, das die weltlichen Möglichkeiten überfordern muß - wie sich gerade am Beispiel des barocken Emblems erweist, dem Gerigks besondere Aufmerksamkeit gilt, weil es „die poetologische Differenz gleichsam nackt darbietet“ (34): Im dreigliedrigen Aufbau des Emblems enthalten inscriptio und subscriptio zwar die  Deutung des in der pictura veranschaulichten Gedankens - es bleibt jedoch, wie Gerigk selbst sieht, eine „Kluft zwischen Bild und Text“ (38) bestehen, mit der sich auch erst die Spielräume für eine ästhetische Kritik eröffnen.

 

Gleichwohl: Die Idee einer vollständigen Erschließbarkeit des ästhetischen Gebildes gehört zu den unverzichtbaren heuristischen Fiktionen jeder Interpretation, wenn sie nicht orientierungslos zum Opfer irgendwelcher ‚interessanter’ Einfalle werden soll.

 

***

 

Lesen und Interpretieren besitzt alle Qualitäten eines hermeneutischen Lehrbuchs. Das entschiedene Plädoyer für Interpretation fällt um so überzeugender aus, als die eingestreuten Werkdeutungen exemplarische Erprobungen der Theorie liefern und zur kontrollierenden Lektüre ermuntern. Unbekümmert um Schulrichtungen und Moden gelingt dem Verfasser eine Rehabilitierung der Kunst der Interpretation, die diesmal nicht unser Ergriffensein begreifen, sondern verstehen will, was das literarische Werk zu denken gibt. Emil Staigers bekannte Klage, wer Literaturwissenschaft betreibe, verfehle entweder die Wissenschaft oder die Literatur, bleibt in diesem Fall - beinahe - grundlos.

 

Wespennest. Zeitschrift für Texte und Bilder.

Nr. 131. III Quartal. Juni 2003. S. 98 – 99. Wien: Verein Gruppe Wespennest

 

Kirstin Breitenfellner l Horst-Jürgen Gerigk: Lesen und Interpretieren.

 

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht / UTB Wissenschaft 2002.

 

Lesen und Interpretieren –der schmale rot-blaue Band der Reihe UTB Literaturwissenschaft sieht aus wie eine Einführung, scheint dementsprechend allgemein verständlich geschrieben und beginnt mit der These «Literarische Titel sind beliebig» sozusagen bei Adam und Eva. Aber schon bald erweist sich, dass hier ein Grundlagentext vorliegt, in dem jeder Satz durch- und nachgedacht zu werden fordert. Horst-Jürgen Gerigk, Heidelberger Slawist und Komparatist, in letzten Jahren zunehmend auch mit Film befasst, gehört zur seltenen Spezies des Literaturwissenschaftlers als Philosoph. Beginnend mit seiner Habilitationsschrift Entwurf einer Theorie des literarischen Gebildes (1975) hat er eine Reihe von Grundbegriffen einer literarischen Ästhetik erarbeitet, die im Stande wären, einem nicht nur unter Laien vorherrschenden Literaturverständnis, das unter der (kunstfremden) Regie des Geschmäcklerischen und Ideologischen fröhlich dahinurteilt, eine Basis, um nicht zu sagen, eine Richtung zu geben: zurück zum Werk.

 

In Unterwegs zur Interpretation (1989) hat der Gadamer-Schüler Gerigk die Literaturinterpretation aus dem engen Rahmen der Hermeneutik als «Anwendung des Verstandenen auf uns selbst» herausgelöst, dem zentrifugalen Verstehen unter dem Zugriff der historisch bedingten «Vorurteile» das zentripetale entgegengesetzt, das die Identität des literarischen Kunstwerks positiv zu bestimmen versucht. Der literarische Text ist, so seine provokante These, zu absoluter Verständlichkeit fähig. Dichtung ist bereits verstandene Welt, in der der Dichter «die Bedingungen, unter denen etwas verständlich bzw. wahr wird, für immer unanfechtbar fixieren» kann. Interpretation wäre demnach die Verbalisierung des Verstandenen - die Gerigk in Die Sache der Dichtung (1991) anhand von drei exemplarischen Werkanalysen vorgeführt hat.

 

Lesen und Interpretieren knüpft am Schlusswort dieses Bandes zum »Positum« der Literaturwissenschaft an. Nicht was sich (mit Nietzsche gesprochen) verrät, ohne dass es gesagt sein wollte, sondern nur was der literarische Text von sich aus zum Ausdruck bringt, kann nach Gerigk deren Gegenstand sein. In der historischen Einordnung und Vereinnahmung einzelner Bestandstücke des Textes durch andere Wissenschaften aber «verflüchtigt sich ästhetische Substanz». Dies gilt insbesondere für den realistischen Roman, der so viele kunstfremde Diskurse ausgelöst hat wie keine andere Gattung, «weil er mit künstlerischen Mitteln zur unkünstlerischen Rezeption regelrecht einlädt».

 

Rechtes Lesen, und das heißt rechtes Verstehen von Literatur aber erfordert, so Gerigk, eine andere Einstellung als zu anderen Textsorten. Festgemacht wird diese am Begriff der «poetologischen Differenz» – der Differenz zwischen dem, was innerfiktional (innerhalb der dargestellten Welt) und außerfiktional (vom Standpunkt des Lesers aus) sichtbar ist. Die Implikationen dieser doppelten Blickrichtung versucht Gerigk über einen Umweg zu erhellen: die Fruchtbarmachung der Emblematik und der (säkularisierten) Theorie des vierfachen Schriftsinns für das Verstehen von Literatur. Die Heilige Schrift und das Kunstwerk nämlich haben vor allen anderen Texten gemeinsam, dass sie sich selbst beglaubigen – als endliche Texte, gegen deren «Daten» kein Einspruch erhoben werden kann.

 

Der vierfache Schriftsinn, angewendet auf die Textinterpretation, ist zunächst der buchstäbliche oder Literalsinn - den bloßzulegen bei einem literarischen Text eine komplizierte Abstraktionsleistung bedeutet. Sodann der allegorische Sinn - die anthropologische Prämisse der vom Text erschlossenen Welt – und der tropologische: die vom Text bestimmte Orientierung bzw. Belehrung des Lesers über sich selbst. «Die poetologische Differenz zu denken» gehört nach Gerigk zum anagogischen Schriftsinn: der lebendig erfahrenen «Teilhabe der Bedeutung des Textes an der ‚ewigen’ Eingliederung des menschlichen Daseins in Zeit, Raum und Welt».

 

Wichtigstes Postulat einer Anleitung zum Umgang mit Literatur als «Nachvollzug der Leistung künstlerischer Intelligenz» wäre demnach eben jener zweifache Blick, ein bewegliches Sehen, hin und her springend zwischen inner- und außerfiktionalem Sachverhalt, psychologischer und poetologischer Einstellung, das gleichzeitig «mit höchster Reflexionswachheit» sein eigenes Tun beobachtet. Oder anders herum betrachtet: Die «‚Dichtung als Sache’ (endlicher Text) im Unterschied zur ‚Sache der Dichtung’ (Thema) eröffnet, indem sie einen Anblick bietet, der innerfiktional nicht vorkommen kann, einen Raum, der den Leser mit einbezieht. Innerhalb dieses Raumes erscheint die Dichtung als bereits verstandene Welt, die wir nachzuvollziehen haben, sowie als dargestellte Welt, die die Prinzipien ihrer poetologischen Entfaltung zu erkennen gibt.»

 

Letzteres aber bedeutet, dass nicht die Leser die Interpreten des Kunstwerks sind, sondern der Autor, der die «Axiome» der von ihm entworfenen Welt derart «ins Werk setzt», dass sie eindeutig ablesbar werden. Die Kunst, gut zu lesen, könnte (wiederum mit Nietzsche - einem Zitat aus den Nachgelassenen Fragmenten von 1888 -gesprochen) auch als das Gegenteil von Interpretation verstanden werden: «[...] einen Text als Text ablesen zu können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen, ist die späteste Form der <inneren Erfahrung>, – vielleicht eine kaum mögliche.»

 

Werke (Auswahl):

 

Versuch über Dostoevskijs Jüngling. Ein Beitrag zur

Theorie des Romans. München: Wilhelm Fink

Verlag 1965;

 

Entwurf einer Theorie des literarischen Gebildes.

Berlin/New York: Walter de Gruyter 1975;

 

Unterwegs zur Interpretation. Hinweise zu einer

Theorie der Literatur in Auseinandersetzung mit

Gadamers Wahrheit und Methode (1989);

 

Der Mensch als Affe in der deutschen, französischen,

russischen, englischen und amerikanischen Literatur

des 19. und 20. Jahrhunderts (1989);

 

Die Sache der Dichtung, dargestellt an Shakespeares

Hamlet, Hölderlins Abendphantasie und

Dostojewskijs Schuld und Sühne (1991);

 

Die Russen in Amerika. Dostojewskij, Tolstoj,

Turgenjew und Tschechow in ihrer Bedeutung für

die Literatur der USA (1995). (Alle: Hürtgenwald,

Guido Pressler Verlag);

 

Vollständige Bibliografie unter:

http://www.slav.uni-heidelberg.de/personal/hgerigk.html

 

Korrespondenzblatt der diakonischen Gemeinschaften von Neuendettelsau. Nr. 3. März 2003.

Horst-Jürgen Gerigk: Lesen und Interpretieren. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. 192 Seiten, 19,90 Euro.

Der Band vereint zwölf unterschiedliche thematische Beiträge des Heidelberger Literaturwissenschaftlers, die zum Teil bereits veröffentlicht und in der vorliegenden Form überarbeitet und neu ausgerichtet sind.

Thematisch umfassen die einzelnen Artikel ein breites Spektrum. Die Bandbreite reicht von der Bedeutung des Titels eines literarischen Werks („Titelträume") über eines der zentralen Themen des Verfassers - die „poetologische Differenz" - bis zu sehr allgemeinen Fragen wie die nach Literatur und Geschichte oder den vierfachen Schriftsinn. Im Schnittfeld von Literaturwissenschaft und Philosophie sind einige der Beiträge interdisziplinär angelegt und daher von besonderem Interesse, wie beispielsweise „Zeit als literarisches Thema", „Raum als literarisches Thema" und besonders auch das Kapitel „Schmerz und Angst in poetologischer Sicht".

Die Texte sind für einen wissenschaftlich interessierten Leserkreis gedacht, der zum einen bereit ist, sich auf ein hohes Abstraktionsniveau einzulassen, zum anderen in der Lage ist, die vielfältigen und vielfachen Literaturbeispiele in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

B. St.-M

 

Didaktik Deutsch. Nr. 16/2004. S. 106. Baltmansweiler: Schneider Verlag Hohengehren

Horst-Jürgen Gerigk
Lesen und Interpretieren
Göttingen 2002, Vandenhoeck & Ruprecht (UTB für Wissenschaft)
ISBN 3-8252-2323-X (UTB)
ISBN 3-525-03218-8 (Vandenhoeck & Ruprecht)
192 S., € 19,90

In zwölf Kapiteln liefert Horst-Jürgen Gerigk eine systematische Einführung in den Umgang mit literarischen Texten. Ziel ist die Kultivierung des natürlichen Verstehens beim Lesen und Interpretieren auf dem Boden einer Literaturwissenschaft im strengen Sinne. Die Entfaltung des Leitbegriffs der »poetologischen Differenz« macht das Herzstück der Untersuchung aus. Im Licht der »poetologischen Differenz« wird deutlich, dass jeder literarisch gestaltete Sachverhalt zweifach begründet ist: innerhalb der Fiktion und außerhalb der Fiktion, also »psychologisch« und »poetologisch«. Der Aufweis dieser Differenz legt das künstlerische Funktionieren des Textes frei und hat überraschende Konsequenzen für die Praxis des Interpretierens. Zahlreiche Beispiele aus der Weitliteratur bilden das Anschauungsmaterial. Ein Personenregister erschließt den Band.

 

Komparatistik. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, 2003 / 2004, Seite 164 - 168

 

Horst-Jürgen Gerigk: Lesen und Interpretieren, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2002 (= UTB für Wissenschaft; Bd. 2323). 192 Seiten.

 

Wenn ein professioneller Leser bei seiner Lektüre eines literarischen Werks innehält, um sich zu fragen, was denn da eigentlich beim Lesen überhaupt geschehe, welche Sensibilisierungen es erzeuge, welche Einsichten es bewirke, so mag dies ein Anlaß sein, sich den grundsätzlichsten aller Fragen zuzuwenden, mit denen es der Literaturtheoretiker zu tun hat: Was charakterisiert literarische Texte als solche? Welche Einstellung und welche Kompetenz verlangen sie ihrem Leser ab? Gibt es spezifische Modi literarischer Darstellung? Gerigks Buch ist, wie einleitend betont wird, von einer solchen Lese-Pause stimuliert worden. In der Form von zwölf thematisch miteinander vernetzten, dabei relativ selbständigen Teilen - Grundlage des Buches waren Gerigks Heidelberger Vorlesungen zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft - werden im Ausgang von vielfältigen Beispielen aus der europäischen und amerikanischen Literatur grundsätzliche Thesen und Modelle zum Wesen des Literarischen selbst entwickelt. Drei der Kapitel stellen dabei die jeweils überarbeitete Fassung früherer Publikationen dar. Hierzu gehört die erste Studie, welche unter dem Leitwort »Titelträume« der Funktion und dem Status von Titeln literarischer Werke gewidmet ist. Titel, so wird dargelegt, gehören nicht oder allenfalls in Ausnahmefällen auch zur inner-fiktionalen Wirklichkeit, werden vielmehr normalerweise von einem außerfiktionalen Standpunkt aus gelesen und dienen in der Wirklichkeit, zu welcher Autoren und Leser selbst gehören, der Etikettierung des Werks und dem direkten oder indirekten (manchmal verschlüsselten) Hinweis auf dessen Wirkungsabsicht. Mit der differenzierenden Betrachtung von innerfiktionaler und außerfiktionaler Wirklichkeit ist das Kernthema des gesamten Buches bereits in den Blick gerückt: Gerigk entwickelt sein Modell des literarischen Textes am Leitfaden des Begriffs der »poetologischen Differenz«. Hierunter versteht er »die Differenz zwischen der innerfiktionalen Begründung und der außerfiktionalen Begründung eines innerfiktionalen Sachverhalts« (17). Welche gravierenden Konsequenzen diese Differenzierung für die Interpretation von Texten hat, verdeutlicht eine Interpretation zu Puschkins Erzählung Der Schneesturm: Nur von einem fiktionsexternen Beobachterstandpunkt aus läßt sich das erzählte Geschehen als Traumspiel der Protagonistin verstehen, während es dafür innerfiktional keinen Anhaltspunkt gibt. Dabei erscheinen die Unwahrscheinlichkeiten der Geschichte nur auf der Basis der Deutung als Traumspiel motiviert. Gerade erzählerische Tagtraumprotokolle, bei welchen die Erzählung auf der buchstäblichen Ebene bewußtseinsinterne Ereignisse darstellt, illustrieren, daß und mit welchen Konsequenzen literarische Texte einer doppelten Logik folgen - einer fiktionsexternen und einer fiktionsinternen. Die fiktionsinterne Logik von Texten steht im Zeichen kausaler Motivation: Auf der durch die erzählten Ereignisse bestimmten Wirklichkeitsebene geschieht alles, >weil< sich die Dinge so und so verhalten. Die fiktionsexterne Logik des Werks ist eine Logik der Intentionen und Zwecke: Entscheidend ist hier, in welcher Absicht und um der Erzeugung welcher Effekte willen der Autor etwas arrangiert hat. Gelegentlich >delegiert< der Dichter das Phantasieren und konzipiert eine seiner Figuren als Subjekt der imaginativen Produktivität, wie Gerigk an diversen Tagtraum-Erzählungen darlegt. Damit wird implizit auf die Differenz zwischen der Logik äußerer Ereignisse und der Logik der Imagination verwiesen.

 

Die diskursive Verortung von Gerigks Theorie der Literatur (und um nichts weniger als eine solche geht es mit den Abhandlungen, auch wo die Analyse einzelner Werke betrieben wird) wird anläßlich der Explikation der »poetologischen Differenz« unmittelbar deutlich: Grundlegend für das jeweilige Werk ist die Intention des Autors, welche sich vom Leser hermeneutisch erschließen läßt. Diese Intention hat sich in der Gestalt des Textes objektiviert, so daß der interpretierende Leser nicht mit einem Autor-Individuum, sondern mit einer »gestalteten Sache« konfrontiert ist (27). Immerhin: »Wer die poetologische Differenz denkt, ist dem Autor eines Werks so nahe, wie es nur geht« (27). Neben der Instanz des Autors, der über die poetologische Differenz insofern gebietet, als er für die innerfiktionale wie für die außerfiktionale Begründung von erzählten Ereignissen zuständig ist, erscheint auch die Kategorie des »Werks« als zentral in Gerigks Modell. Das Werk bildet - bei allen Anspielungen, die es mit anderen Texten verbinden mögen - den Charakter einer in sich abgeschlossenen Sinneinheit, welche inhaltlich die Erscheinungsform eines »innerfiktionalen« Begründungszusammenhangs annimmt und von >außen< betrachtet durch die Homogenität einer Intention (der >außerfiktionalen< Begründung) konstituiert wird. Dem Leser ist es aufgegeben, die jeweils werkspezifische Spannung zwischen >causa efficiens< und >causa finalis< nachzuvollziehen.

 

Zur Explikation der >poetologischen Differenz< zwischen den Sinnebenen eines Werks greift Gerigk auf die Struktur des Emblems zurück (vgl. 36-40). Ausgehend von der Konzeption der poetologischen Differenz erschließen sich weitreichende Fragestellungen, so insbesondere die nach dem >mimetischen< Charakter literarischer Darstellung. »Kann Kunst >realistisch< sein?« Dieser Frage geht ein eigenes Kapitel nach. Ausgehend von einer historisch orientierten poetologischen Bestimmung des »Realismus« wird der Unterschied zwischen wissenschaftlichem und literarischem Diskurs betont; ersterer erscheint dabei als zielorientiert und mittels der Kategorie des Fortschritts beschreibbar, Kunst hingegen »kennt keinen Fortschritt. Jedes Kunstwerk, das gelungen ist, hat seine Vollendung in sich selbst.« (71) . Zwar lassen sich Kriterien einer >realistischen< Darstellung benennen, aber in dieser gründet nicht der Kunstcharakter des literarischen Werks. Gerigk: »Wer den Unterschied zwischen der Wahrheit der Dichtung und der Richtigkeit der Darstellung bedenkt, wird einräumen, dass selbst ein per definitionem realistischer Text sein Wesensmerkmal als Kunstwerk nicht in seinem Realismus hat.« (75) Gerigk argumentiert - wie hier ganz deutlich wird - nicht allein im Sinne des »Werks« als eines einer zweifachen Logik folgenden Funktionszusammenhangs, er votiert auch für einen spezifisch ästhetischen Werk-Begriff und versteht unter einem literarischen Text ein Kunst-Werk im emphatischen Sinn. Das einzelne Werk ist inkommensurabel. Das Projekt einer »Literaturgeschichte« muß vor diesem Hintergrund als von vornherein ebenso problematisch erscheinen wie eine vorwiegend gattungstheoretisch interessierte Literaturwissenschaft. Gerigk, prägnant: »Kein großes Kunstwerk lässt sich als Repräsentant einer literarischen Gattung definieren.« (61) Gerade daher erscheint Gerigk ein Ansetzen bei der Spannung zwischen werkinternen Kausal- und werkexternen Finalzusammenhängen unabdingbar: »Erst das Denken der poetologischen Differenz eröffnet einen Horizont, der es möglich macht, ohne Kontext über einen literarischen Text zu reden.« (62) Im übrigen betont Gerigk, obwohl oder gerade weil er die Inkommensurablen des einzelnen literarisch-poetischen Werks statuiert, die Bedeutung des Handwerklichen, der lehr- und lernbaren Kunstfertigkeit. Eine Auseinandersetzung mit E. A. Poes Philosophy of Composition wird zum Anlaß, die Beziehung zwischen dem Explizierbaren und dem Nichtexplizierbaren an literarischen Kunstwerken zu erörtern und in eine Beziehung zu den Aufgaben der Literaturwissenschaft zu setzen. Erinnert wird auch an Kant, dessen Überzeugung von der Autonomie genialer ästhetischer Schöpfung die Würdigung des »Schulgerechten« und als intentional Erklärbaren einschloß (vgl. 168).

 

Über das Kunstwerk erschließt sich dem Rezipienten eine Welt - diesen Grundgedanken teilt Gerigk mit Heidegger, von dem er mehrfach wichtige Impulse und Denkfiguren für die eigene Argumentation bezieht. Die literarische Darstellung von Zeit folgt ihren eigenen Regeln. In Erinnerung an Günther Müllers folgenreiche Differenzierung zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit (welche der von Gerigk modellierten >poetologischen Differenz< strukturell korrespondiert), wird dargelegt, auf welch spezifische Weisen literarische Texte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft thematisieren. Auf komplexe Weise ermöglicht der literarische Text auch eine spezifische Raumerfahrung, und gerade bezogen auf die Räumlichkeit der Literatur läßt sich für Gerigk die poetologische Differenz spezifizieren: »Ein [...] bewegliches Sehen zu kultivieren, das gleichzeitig drinnen bei der gestalteten Sache und draußen bei ihrem Anblick ist, dürfte das wichtigste Postulat einer Anleitung zum Umgang mit Literatur sein« (112).

 

Dem Kunstwerk-Charakter literarischer Gebilde korrespondieren spezifische Lesehaltungen, welche nicht auf die Erkenntnisinteressen anderer wissenschaftlicher Disziplinen reduzierbar sind. Die spezifische Verfaßtheit literarischer Werke als schriftlich verfaßte Interpretanda wird genauer beleuchtet und zum Modell der »poetologischen Differenz« in Beziehung gesetzt. Gerigk greift das traditionsreiche Theorem vom >vierfachen Schriftsinn< auf, um die Vielschichtigkeit literarischer Werke zu explizieren. Vom >wörtlichen< oder Literalsinn ausgehend, auf dessen Ebene sich die fiktionsinterne Wirklichkeit konstituiert, erschließen sich laut Gerigk auch im Umgang mit modernen literarischen Texten mehrere Sinndimensionen, zu deren Beschreibung das aus der mittelalterlichen Bibelexegese hervorgegangene Textmodell geeignet ist:

 

Der allegorische Sinn meint die anthropologische Prämisse der vom Text erschlossenen Welt, der tropologische Sinn die vom Text bestimmte Orientierung des Lesers in der Situation, in der er persönlich steckt, die Belehrung des Lesers über sich selbst. Und der anagogische Sinn ist die lebendig erfahrene Teilhabe der Bedeutung des Textes an der »ewigen« Eingliederung des menschlichen Daseins in Zeit, Raum und Welt. (127)

 

Mit solchen Bestimmungen konkretisiert sich, was in Anlehnung an Heideggers Theorie des Kunstwerkes betont wird: »Das Werk wird zum Analogen für die Möglichkeit von Wahrheit« (127). Der Literalsinn aber, so wird in einem späteren Kapitel statuiert, stellt die Dimension des Werkes dar, auf welcher sich dieses gegen falsche Deutungen »immunisiert« (168): gegen Mißverständnisse dessen, was da erzählerisch dargestellt wird.

 

Es bedarf kaum einer ausdrücklichen Betonung: Gerigks Modell des literarischen Werkes ist nicht kompatibel mit poststrukturalistischen und posthermeneutischen Konzepten suspendierter Autorschaft und dezentrierter Textualität. Es situtiert sich vielmehr zum einen in der Geschichte hermeneutischer Reflexion über die dem Text in seiner jeweiligen Besonderheit angemessene Zugangsform, sowie in der autonomieästhetischen Tradition poetologischer Modellbildung, insofern das literarische Kunstwerk nicht als Textphänomen unter anderen, sondern als spezifisch künstlerisches Interpretandum begriffen wird. Seine Erörterungen stellen sich in eine modernespezifische, insbesondere mit den Namen Welleks und Warrens verknüpfte Tradition poetologischer Reflexion und wissenschaftskritischer Metareflexion, welche vor allem nach der Literarizität des Literarischen fragt. Als unangemessen abgewiesen werden hingegen unterschiedlich spezifizierte Versuche, literarische Texte als Illustrationsmatenal oder Teilmanifestation außerästhetischer Gegebenheiten und Diskurse zu betrachten. Mit seinem Festhalten an der Literarizität des Literarischen votiert Gerigk implizit für eine Autonomie der Literaturwissenschaft selbst gegenüber anderen wissenschaftlichen Diskursen. Kulturwissenschaftliches, medizinisches, psychologisches Wissen sind hilfreich beim Verstehen literarischer Texte, doch »behält die Dichtung gegenüber solcher Bestätigung ein eigenes Recht für sich zurück« (131), und es ist diese Kompetenz, mit der sich der Literaturwissenschaftler auseinanderzusetzen hat. Die spezifische und auf keinen außerästhetischen Diskurs reduzible anthropologische Kompetenz der Literatur zeigt sich etwa, indem »Schmerz und Angst in poetologischer Sicht« erörtert werden (140 ff.). Votiert wird insgesamt auf der Basis einer prinzipiellen Differenzierung zwischen angemessenen und >falschen< Deutungen für eine nur im Umgang mit den Texten selbst zu konsolidierende Kompetenz auf Seiten des professionellen Literaturinterpreten - und bezogen auf den Leser für die Bereitschaft, sich auf die »Wahrheit« des jeweiligen literarischen Werks einzulassen. Die Prämissen, Konsequenzen und Implikationen des in zwölf Abschnitten entwickelten Literaturbegriffs werden mit wünschenswerter Klarheit vermittelt. Durch die mit der theoretischen Reflexion in jedem Kapitel eng verbundenen Interpretationen literarischer Beispiele gewinnen jene an Überzeugungskraft, denn ihr Ertrag für die Erschließung der Texte wird dabei ja unmittelbar nachvollziehbar. Leserfreundlich ist es, daß Gerigk in den einzelnen Kapiteln seine prägnantesten Begriffsbestimmungen und Thesen jeweils auch durch typographische Abhebung in aller Klarheit herausstellt. Es stellt zugleich einen originellen und anregenden Beitrag zur literaturtheoretischen Grundsatzdiskussion als auch ein für Studienzwecke gut nutzbares Einführungsbuch in Kernfragen der Allgemeinen Literaturwissenschaft dar.

Monika Schmitz-Emans

Neue Aufsätze

Horst-Jürgen Gerigk

 

Zur Darstellung der Epilepsie in Dostojewskijs großen Romanen: Fürst Myschkin, Kirillow und Smerdjakow

 

Text des Aufsatzes

Horst-Jürgen Gerigk

 

Turgenjew und die Musik. Ein Vergleich mit Dostojewskij und Tolstoj

 

Text des Aufsatzes

Horst-Jürgen Gerigk

 

Dostojewskij und Martin Luther

 

Text des Aufsatzes

Horst-Jürgen Gerigk

 

„Die Theorie des Romans“: Georg Lukács und Hegel

 

Text des Aufsatzes

Horst-Jürgen Gerigk

 

Tom Stoppard und Turgenjew. Ein Kommentar zur Dramentrilogie „The Coast of Utopia“

 

Text des Aufsatzes

Video

Literaturwissenschaft - was ist das?