Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk
Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk

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Kommentar des Autors zu seinem Buch

 

Horst-Jürgen Gerigk: Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller. Vom „Toten Haus“ zu den „Brüdern Karamasow“. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2013. 347 S.

 

Mit der vorliegenden Monographie wird Dostojewskij, der Kriminologe und missionarische Christ, zur Hauptsache, wie er uns in seinem Sträflingsreport Aufzeichnungen aus einem toten Haus (1862)  zum ersten Mal entgegentritt. Die gleiche intensive Aufmerksamkeit gilt der von Dostojewskij dabei entwickelten Erzähltechnik, die ständig Überraschungseffekte parat hält.

    Von den insgesamt fünf Kapiteln behandelt das zentrale und ausführlichste Dritte Kapitel (S. 61-269) in chronologischer Reihenfolge die fünf großen Romane Verbrechen und Strafe, Der Idiot, Böse Geister, Ein grüner Junge und Die Brüder Karamasow, wobei eine neue Methode der Werkanalyse erstmals zur Anwendung kommt:

----(1.) zunächst wird ein „Einstieg“ geliefert: wann und wo der Erstdruck stattfand und an welchen Orten Dostojewskij jeweils das Werk verfasst hat (fünf Zeilen); darauf folgt eine zwei bis drei Seiten lange Inhaltsangabe;

----(2.) nach diesem „Einstieg“ kommt es, wie im Tatort-Krimi, zum „Zugriff“, so heißt jetzt die „Interpretation“ als  Fixierung des vom Autor gewählten Gegenstandes und seiner erzähltechnischen Bewältigung. Der „Zugriff“ ist jeweils das Kernstück der Werkanalyse, an die sich sodann

----(3.) die Darlegung der „Besonderheiten“ anschließt, denn jeder der fünf großen Romane hat ganz spezielle Eigenheiten, die eine separate Behandlung erfordern, weil sie den zielgerichteten „Zugriff“ der zuvor geleisteten Erläuterungen nur behindern würden. Zu diesen „Besonderheiten“ gehören vor allem die intertextuellen Beziehungsfelder, die bei jedem der großen Fünf jeweils andere sind und komparatistisch behandelt werden.

     Fazit: Der Dreischritt „Einstieg“, „Zugriff“, „Besonderheiten“ ist zweifellos der Verständlichkeit der Werkanalysen sehr zugute gekommen und dürfte durchaus Schule machen: der literarische Text wird niemals aus dem Auge verloren und auf dreifache Weise durchleuchtet.

     Eingebettet wurde dieses zentrale und ausführlichste Dritte Kapitel über die fünf großen Romane zwischen jeweils zwei Kapitel vor ihm und zwei Kapitel nach ihm.

      Die beiden ersten Kapitel eröffnen die Makrostruktur, die mit Dostojewskij, dem Kriminologen und missionarischen Christen, ihren Referenzrahmen erhält: Das Erste Kapitel behandelt denn auch die Aufzeichnungen aus einem toten Haus (zuerst 1862),  ein Werk, geboren aus dem Probleminfekt, den sich Dostojewskij im sibirischen Zuchthaus in engstem Kontakt mit reuelosen Schwerverbrechern zugezogen hat und  Zeit seines Lebens nicht mehr loswurde. Er hatte die Realität des Bösen anzuerkennen und setzte dieser Anerkennung  als Gegenkraft den christlichen Glauben entgegen.

    Als Resultat wird die Sorge um die Zukunft Russlands zum Motor für seine literarischen Werke wie auch für seine publizistischen Schriften. Beide Textsorten führen jeweils auf eigene Weise die „Geistige Situation der Zeit“ vor Augen. Die Erzählung Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864) ist dabei mit ihrer Darstellung eines unglücklichen Bewusstseins als Vorspann anzusehen.

     Die beiden letzten Kapitel, die auf die Werkanalysen der fünf großen Romane folgen, behandeln die Beziehungen zwischen dem Leben und dem Werk Dostojewskijs, zunächst am Beispiel des Kurzromans Der Spieler (1866), hervorgegangen aus Dostojewskijs Reisen in den Westen, worin er seine eigene Spielsucht wie auch seine Liebesaffäre mir Apollinaria Suslowa literarisch verarbeitet. Allerdings wird davor gewarnt, Dostojewskijs literarische Werke autobiographisch zu lesen, denn eine solche Lektüre lenkt ab von der künstlerischen, und das heißt „poetologischen“ Funktion der aus der empirischen Wirklichkeit entlehnten Elemente. Deshalb folgt auf das Vierte Kapitel die Ausarbeitung der Autonomie und Dynamik der Entwicklung Dostojewskijs als Schriftsteller: von  denArmen Leuten (1846) bis zu den Brüdern Karamasow (1880). Das literarische Werk sucht seine eigene Vollendung (ganz im Sinne von C. G. Jung) und hat dazu das Leben seines Autors in den Dienst genommen, was sich an der Gestalt Dmitrij Karamasows exemplarisch demonstrieren lässt.

    Und so ist das vorliegende Buch von der ersten bis zur letzten Zeile eine regelrechte Erzählung geworden, deren Thema  Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller ist, eine Entwicklung, die allerdings im eigentlichen und wahren Sinne erst „Unter Verbrechern in Sibirien“ beginnt (so die Überschrift zum Ersten Kapitel), wo Dostojewskij, der Kriminologe und missionarische Christ, geboren wurde, der bis heute in aller Welt seine Leser findet und fesselt.

     Einer durchgängig strengen Gedankenführung ihre lockere und ansprechende Form zu geben, wie das die englischen Philosophen George Berkeley und David Hume so meisterhaft vorgeführt haben, wurde bereits während der Konzeption der vorliegenden Monographie als notwendiges Ziel anvisiert. Es kam darauf an, einer neuen Generation von Dostojewskij-Lesern auf unterhaltsamste Weise sachgerechte Zugänge zum Werk dieses Meisters aus Russland bereitzustellen.

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