Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk
Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk

Horst-Jürgen Gerigk

(Universität Heidelberg)

 


„Da ist ihm Luthers Tintenfass eingefallen!“

Dostojewskij und Martin Luther

 

 

 

Vorbemerkung

 


Dostojewskij war kein Lessing. Religiöse Toleranz war ihm völlig fremd. Seit 1860, als sein Sträflingsreport „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ erschien, vertritt er auf dem Boden der Russischen Orthodoxie in seinen fünf großen Romanen und in seinen publizistischen Schriften („Tagebuch eines Schriftstellers“) eine ablehnende, ja zutiefst feindselige Haltung gegenüber dem mosaischen Glauben, dem römischen Katholizismus und schließlich auch, infolge der Türkenkriege, gegenüber dem Islam. Panslawismus, ja – aber ohne Polen, denn mit Polen steht Rom vor der Tür. Und das bedeutet: Juden und Polen werden in Dostojewskijs fünf großen Romane kompromißlos negativ dargestellt – und in den „Brüdern Karamasow“ zusätzlich auch die Türken. Für Dostojewskij sind die Russen das auserwählte Volk, und die Russische Orthodoxie (seit 1721 Staatskirche) ist die dafür zuständige Institution, die den gültigen Referenzrahmen bereitstellt.

In solchem Kontext fällt auf, dass Dostojewskij dem Protestantismus durchaus positiv gegenübersteht, wenn auch mit Einschränkungen, die ganz offensichtlich auf einem Mißverständnis beruhen.

Das Standardwerk zur Ideologie Dostojewskijs seit 1860 hat 1951 Josef Bohatec (Universität Wien) geliefert: „Der Imperialismusgedanke und die Lebensphilosophie Dostojewskijs. Ein Beitrag zur Kenntnis des russischen Menschen“ (Graz und Köln: Böhlau Verlag, 364 Seiten). Entscheidend in unserem Kontext ist das Kapitel „Die russische Sendungsidee und der Protestantismus“ (S. 156-165). Ich werde deshalb dieses Kapitel, kurz zusammengefasst, zur Diskussion stellen und auf diesem Hintergund Dostojewskijs insgesamt acht explizite Hinweise auf Martin Luther mehr oder weniger ausführlich kommentieren. Eine „Nachbemerkung“ verweist auf die Quellem im russischen Original.

Vorweg jedoch eine, wenn auch knappe, Erläuterung der geschichtlichen Voraussetzungen, aus denen Dostojewskijs Ideologie erwachsen ist. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildeten sich in Russland zwei Gruppierungen heraus, die jeweils ganz verschiedene Vorstellungen von der Zukunft Russlands hatten: die Slawophilen und die Westler. Es ging dabei zentral um die Frage, ob Russland von Westeuropa etwas lernen könne oder sich auf seine eigene Tradition berufen müsse, unter Ablehnung des „atheistischen“ Westens. 

Dostojewskij beispielsweise gehörte zu den Slawophilen, Turgenjew aber zu den Westlern. Turgenjew hielt als überzeugter Atheist nichts von Dostojewkjjs missionarischem Christentum; und Dostojewskij lieferte in seinem Roman „Die Dämonen“ eine satirische Abkanzelung seines Kollegen in der Gestalt des Schriftstellers Semjon Karmasinow. „Eine Nixe flötet im Gebüsch, und Gluck spielt im Schilf Geige“, so referiert der Chronist der „Dämonen“ eine Erzählung Karmasinows, aus der dieser öffentlich vorliest.

 

 

Wie sehen die Überzeugungen der Slawophilen aus?

 

„Die beiden bedeutendsten Vertreter des älteren Slawophilentums sind A. S. Chomjakow (1804 -1860) und Iwan W. Kirejewskij (1806 - 1856), als jüngere Mitkämpfer stehen neben ihnen vor allem Konstantin S. Aksakow (1817-1860) und Jurij E. Samarin (1819 -1876).

Die wichtigsten Thesen des jetzt entstandenen Slawophilentums sind etwa folgende:

1. Russland hat seine geistige Eigenart und soll seinen eigenen – von dem des Westens verschiedenen – historischen Weg gehen. - 2. Die Eigenart wurde im alten Russland (vor Peter dem Großen, andere meinten, vor Iwan dem Schrecklichen, also vor dem 18. oder gar 16. Jahrhundert) geprägt. Die nachpetrinische Entwicklung ist eine Abweichung Russlands von seinem eigenen Weg. – 3. Zu den wesentlichen Elementen der russischen Eigenart gehört die griechische Orthodoxie. – 4. Die Slawen, oder mindestens manche der slawischen Völker, stehen geistig den Russen nahe“ (zitiert nach: „Die Slawophilen“, in: Dmitrij Tschižewskij: Russland zwischen Ost und West. Russische Geistesgeschichte, Bd. 2. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1961, S. 68).

 

 

Dostojewskijs Einschätzung des Protestantismus

 

Für Dostojewskij hat das russische Volk sein Wesen in der Schönheit und Wahrheit der Russischen Orthodoxie. Und die Orthodoxie ist es, wie Josef Bohatec ausführt, die für Dostojewskij das „atheistische Ungeheuer“ des mit dem Katholizismus verbündeten Sozialismus zum Stillstand bringen wird, wenn Russland seine Sendung richtig erfasst. Denn: Die beiden vereinigten Feinde, Katholizismus und Sozialismus, wird der Protestantismus nicht besiegen können, mag er sich auch noch so gegen das alte und neue Rom, dessen Grundsätze und Folgen auflehnen, weil die Idee des Protestantismus, deren Träger, wie Dostojewskij meint, nur Deutschland ist, rein negativ sei. Dostojewskijs Einschätzung des deutschen Protestantismus wird von Josef Bohatec folgendermaßen zusammengefasst:

 

„Deutschland habe in den 19. Jahrhunderten seiner Existenz nichts anderes getan als nur protestiert. Es habe protestiert gegen Rom, gegen seine altheidnische und neukatholische Idee, gegen seinen Weltimperialismus, es habe moralisch und materiell gegen die ganze Zivilisation Roms protestiert, und zwar schon seit den Tagen des Arminius und des Teutoburger Waldes. Zuletzt protestierte es auf die kräftigste Weise, indem es die neue Formel des Protestes schon aus den geistigen und ursprünglichsten Grundlagen der germanischen Welt ableitete; es habe die Fahne Luthers, die ganze grenzenlose Freiheit des Gewissens und der Forschung erhoben. Der Riß war schrecklich und betraf die ganze Welt; die Formel des Protestes war in der ,Ketzerei Luthers' gefunden und vollendet worden, obwohl es immer noch eine negative Form blieb und ein neues positives Wort noch immer nicht gesprochen war.“

 

Fazit: Der Protestantismus ist auf seinen Feind, den Katholizismus, angewiesen. Gäbe es den Feind nicht mehr, so gäbe es auch den Protestantismus nicht mehr, weil er vom Protest lebt. Stünde er allein da, könnte er kein neues Wort anbieten. Das neue Wort aber, das auf positive Weise die Zukunft eröffnet, kann nur von der Russischen Orthodoxie gesprochen werden, deren Imperialismus der Liebe auf die ganze Welt gerichtet ist. So Dostojewskij.

 

 

Martin Luther

 

Auf diesem Hintergrund erhalten Dostojewskijs Hinweise auf Martin Luther ihre ganz spezielle Bedeutung: als Waffe gegen den Atheismus – mit der Einschränkung, dass Martin Luther allein den Atheismus nicht besiegt haben könnte, weil ihm die Hilfe der Russischen Orthodoxie gefehlt habe.

Das erste (und einzige) Beispiel dafür, dass Martin Luther in einem literarischen Text Dostojewskijs erwähnt wird, findet sich im Roman „Die Brüder Karamasow“(1879-1880), genau gesagt: im neunten Kapitel des Elften Buchs: „Der Teufel. Iwan Fjodorowitschs Alptraum“. Hier steigt der leibhaftige Teufel Iwan Karamasow in die Stube und unterhält sich mit ihm. Ewiges Vorbild für solche Gespräche mit dem Teufel (man denke etwa an Thomas Manns „Doktor Faustus“) ist natürlich Goethes „Faust“. Weil aber Dostojewskij ein „Realist“ ist, wird Iwans Teufel als Halluzination gestaltet, die aus den Tiefen seiner Seele aufsteigt: als abgespaltene Komponente seines eigenen Wesens, was sich Iwan aber nicht eingestehen will, denn dann würde er seine Mitschuld an der Ermordung seines Vaters eingestehen, weil er ja Smerdjakow inspiriert hat, den Mord zu übernehmen. Und deshalb will Iwan seinen „Gast“, den Teufel, zurückweisen. Es heißt:

 


„Der Gast ließ sich offenbar immer mehr von seiner Beredsamkeit fortreißen, jedenfalls sprach er schon lauter, immer lauter und begann sogar spöttisch zum Hausherrn hinüberzublicken; aber er sollte seine Rede nicht zu Ende bringen. Iwan ergriff plötzlich das Teeglas vom Tisch und schleuderte es auf den Redner.

,.Ah, mais c'est bête enfin!' rief jener aus, indem er vom Diwan aufsprang und sofort die Teespritzer von seinem Rock mit den Fingern abzuschnippen begann.“

 


Und an dieser Stelle sagt der Teufel zu Iwan:

 


„Da ist ihm Luthers Tintenfass eingefallen!“ (Im Original: Ah, mais c'est bête enfin! – voskliknul tot, vskakivaja s divana i smachivaja paltzami s sebja bryzgi tschaju – vspomnil Ljuterovu tschernilnitzu!).

 


Dostojewskijs Botschaft: Iwan Karamasow ist hilflos gegenüber seinem Teufel. Erst als er vor Gericht seine Mitschuld an der Ermordung seines Vaters öffentich auf sich nimmt, befreit er sich vom Teufel. Man glaubt ihm aber nicht, dass Smerdjakow ihm gegenüber ein Geständnis abgelegt hat, denn Smerdjakow, der wahre Täter, kann nicht mehr Zeuge sein. Er hat sich kurz vor der Gerichtsverhandlung erhängt. Schuldig gesprochen wird Dmitrij Karamasow. So der äußerst komplexe Kontext Dostojewskijs.

Dass Martin Luthers Tintenfass als narratives Element einen Platz in Dostojewskijs Hauptwerk, „Die Brüder Karamasow“, gefunden hat, wissen die wenigsten. Touristen aber, die die Wartburg besuchen, kennen die Geschichte des berühmten Tintenflecks:

 


„Nicht mehr vorhanden ist der berühmte, ab 1650 erwähnte Tintenfleck. Besucher kratzten ihn als Erinnerung millimeterweise von der Wand ab.1894 soll er zum letzten Mal nachgefärbt worden sein. Der Fleck befand sich neben dem Kachelofen, dort, wo der Putz fehlt. Die Legende berichtet, Luther habe mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen, als dieser ihn bei der Arbeit störte. Luther selbst sprach davon, den ,Teufel mit Tinte zu vertreiben' und meinte damit, er habe mit seinen auf der Wartburg verfassten Schriften den Teufel bekämpft“ (zitiert nach: Bernd Wurlitzer und Kerstin Sucher: Thüringen. Ostfildern: DuMont 2010, S. 156).

 


Die übrigen Hinweise Dostojewskijs auf Martin Luther, wie wir sie im „Tagebuch eines Schriftstellers“ (Januar 1877) und in seinem Brief aus Florenz vom Mai 1869 an Apollon Majkow antreffen, umkreisen alle die Situation und Funktion des Protestantismus im Parallelogramm der Kräfte innerhalb der russischen Geschichte in Tradition und (damaliger) Gegenwart. Dieses Parallelogramm hat weiter oben Josef Bohatec anschaulich vor Augen geführt. Lediglich in seinen Notizen zum Roman „Die Dämonen“ liefert Dostojewskij zusätzliche Argumente, die er allerdings in die Endfassung seines Romans nicht aufgenommen hat. In diesen Notizen stellt Dostojewskij fest, Christus sei Fundament und Quelle des „lebendigen Lebens“ (zhivaja zhizn) und nicht nur ein „einfacher Mensch und edler Philosoph“, wie Luthers Lehre behauptet.

 

 

Schlusswort

 

Damit bin ich am Ende meiner heutigen Überlegungen angelangt. Dostojewskijs Publizistik nach Martin Luther auszuspähen, zeigt nur, dass Dostojewskij ihn zwar als zentrale Gestalt erkannt hat, seiner Bedeutung aber aufgrund seiner eigenen Verwurzelung in der Russischen Orthodoxie nicht gerecht werden konnte. Wie die Dostojewskij-Forschung längst zu Recht vermerkt hat, wurden Dostojewskijs fünf große Romane von Doktor Jekyll geschrieben, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ aber von Mister Hyde.

 


Nachbemerkung

 

Achtmal erwähnt Dostojewskij Martin Luther. Vgl. F. M. Dostoevskij: Polnoe sobranie sočinenij v 30 tt. Leningrad: Izdatel'stvo „Nauka“. Leningradskoe otdelenie 1972-1990 (Akademie-Ausgabe: Werke, Werkstattnotizen, Publizistik, Briefe, 30 Bde.). Bd. 11: S. 179 (Die Dämonen, Notiz zu Luthers Christologie, im endgültigen Text des Romans nicht vorhanden); Bd. 15: S. 84 (Die Brüder Karamasow); Bd. 25: S. 7, 8, 11, 151, 153 (Tagebuch eines Schriftstellers, 1877); Bd. 29 / I: S. 40 (Brief aus Florenz an A. N. Majkow vom 15. / 27. Mai 1869).

Von Dostojewskijs „Tagebuch eines Schriftstellers“ existiert bislang ungekürzt nur eine englische Übersetzung: Fyodor Dostoevsky: A Writer's Diary. Translated and Annotated by Kenneth Lantz. With an Introduction by Gary Saul Morson. 2 vols. Evanston, Illinois: Northwestern University Press 1994.

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