Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk
Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk

Rezension

Horst-Jürgen Gerigk

Nikolaj Gogol´: Mertvye duši (Die toten Seelen).

In: Der russische Roman. Herausgegeben von Bodo Zelinsky unter Mitarbeit von Jens Herlth.

Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2007,
S. 117 - 138, 501 - 503

ISBN 978 – 3 – 412 – 18001 – 0

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Dezember 2007

Bei uns daheim im Puschkinhaus

In Russland wurden früher ganze Debatten nicht im Feuilleton ausgetragen, sondern in Romanen. Ein lehrreicher Band sichtet und interpretiert die wichtigsten davon.

Die russische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts zählt zu den großen Einlagerungen, ohne die Weltkultur nicht denkbar wäre. Zwar wird dem des Russischen Unkundigen die Lyrik von Puschkin bis Marina Zwetajewa letztlich verschlossen bleiben - anders als die Romanliteratur, wiewohl auch hier die Übersetzungsprobleme nicht zu unterschätzen sind. Man denke nur an den Streit um Dostojewskis Romantitel: „Schuld und Sühne“ oder „Verbrechen und Strafe“, von den narrativen Finessen Dostojewskis nicht zu reden, denen die wenigsten Übersetzer gewachsen sind. Trotz mancher Übertragungsmängel haben russische Romane seit mehr als hundert Jahren Leser in aller Welt gefesselt, für manch einen sind sie der Inbegriff der Gattung.

Russische Romane in ausgewählten Interpretationen vorzustellen ist deshalb ein begrüßenswertes Unterfangen. Der Herausgeber des Bandes, der Kölner Slavist Bodo Zelinsky, hat aus dem Überreichtum achtzehn Romane von sechzehn Autoren ausgewählt. Um die Qual der Wahl, der er sich damit unterzog, ist er wahrlich nicht zu beneiden. Wie kann man auf Lermontovs „Helden unserer Zeit“ verzichten, den ersten psychologischen Roman der Russen? Wie auf Turgenjews „Väter und Söhne“, vielleicht aufschlussreicher als das „Adelsnest“? Wie auf drei der großen Romane Dostojewskis oder auf Tolstois „Auferstehung“? Wie auf die Romane Saltykow-Schtschedrins, Pisemskis, Leskows, Mamin-Sibiriaks, Gorkis, Bunins, Pilniaks, Leonows, Trifonows, Makanins ...?

Dennoch ergibt sich aus dem Gebotenen ein im Ganzen überzeugendes Bild. Bodo Zelinsky skizziert einleitend die Geschichte des russischen Romans: die unselbständigen Anfänge im achtzehnten Jahrhundert, das Aufkommen des historischen Romans nach dem Vorbild Scotts, die Selbständigwerdung der Gattung bei Puschkin, Lermontow und Gogol. Was sich seit Ende der 1840er Jahre, Schlag auf Schlag, mit den Romanen Gontscharows, Turgenjews, Dostojewskis, Tolstois und zahlreicher anderer Autoren begab, hat in keiner anderen Literatur ein Gegenstück. Zelinsky beleuchtet den Nihilismusstreit der 1860er und 1870er Jahre, der großenteils in Form von Romanen ausgetragen wurde. Zum sozialpsychologischen Syndrom, das die Romane erschlossen, gewannen sie in einem Land, das keine politische Öffentlichkeit kannte, die ideologische Dimension hinzu.

Der Band ist die Neukonzeption eines gleichnamigen Werkes aus dem Jahre 1979. Damals waren fünfzehn Romane vorgestellt worden. Die neuen Interpretationen zeigen den Zuwachs an methodischem Wissen. Das demonstriert gleich die erste, Puschkins „Eugen Onegin“ gewidmete Besprechung von Erika Greber. Die offene, vielfältig changierende Struktur dieses in 364 sonettähnlichen Strophen verfassten „schönsten Romans der Weltliteratur“, dessen Erzähler, in die Digression verliebt, sich auf alle erdenklichen Themen einlässt, ohne die Liebesgeschichte zwischen Onegin und Tatjana aus den Augen zu verlieren, ist überzeugend analysiert. Horst-Jürgen Gerigk setzt in seiner Interpretation von Gogols „Toten Seelen“ einen anthropologischen Akzent. Tschitschikov erscheint, indem er seine Aufmerksamkeit allein dem Gelderwerb widmet, als Beispiel der Entmenschlichung. Wertvoll sind Gerigks Bemerkungen zum „teleologischen“ Aufbau des Romans, der in dem Feuerwerk witziger Einfälle leicht aus dem Blick geraten kann. Jens Herlth versucht eine neue Deutung von Gontscharovs „Oblomow“. Er sieht ihn nicht als Roman über den russischen Nationalcharakter oder über die Langeweile, sondern als eine „Reflexion über die (Nicht-)Vereinbarkeit von Moderne und Idylle, von Prosa und Poesie“, und damit über die anthropologischen Leittendenzen der Zeit. Gewichtige Einsichten vermittelt der Herausgeber mit seinen Analysen der beiden großen Romane Leo Tolstois, wobei er der Annäherung an das Epos in „Krieg und Frieden“ nachgeht, während er in „Anna Karenina“ die Familie (und nicht die Ehe) als das Ziel erfüllten Lebens herausstellt.

Die meisten Interpretationen sind stark auf die geistesgeschichtlichen und ideologischen Implikationen der Romane abgestellt; die narrative Meisterschaft, die die Russen entfalteten, kommt dabei meistens zu kurz. Dabei hat die Literaturwissenschaft gerade auf diesem Gebiet viel zu bieten. Enttäuschend die Dostojewski-Beiträge von Birgit Harreß. Ohne Zweifel bildet die christliche Weltanschauung Dostojewski die grundsätzliche Orientierung; jedoch war er Künstler und gedanklicher Experimentator in einem Maße, dass Wesen und Wirkung seiner Romane nicht zuerst in der heilsgeschichtlichen „Lösung“, sondern in den psychischen und ideologischen Wirrnissen liegt, die er genial zu gestalten wusste. Harreß hat einen neuen „Konfiguranten“ in Dostojewskis Romanen ausgemacht: den Teufel. Mit ihm hat Raskolnikow, ein neuer Faust, einen Bund geschlossen, der ihn an den Marionettenfäden hält, der ihn narrt. So kann man in der Interpretation um Jahrzehnte zurückfallen, als hätte es die epochemachenden Forschungen eines Bachtin oder Wolf Schmid nie gegeben. Barbara Zelinsky hat in ihren Ausführungen zu Bulgakows großem ironischen Roman „Der Meister und Margarita“ eher Grund, Teufeleien nachzugehen. Sie bestimmt das Werk als „Roman-Theater“, als modernes episches Welttheater, das die Faustthematik aufgreift, um sie ins Groteske zu steigern.

Frank Göblers Darstellung des Romans „Die Gabe“ von Nabokov hebt den luziden Literaturdiskurs des Berliner Emigranten hervor. Scholochows „Stiller Don“, einst als „ein Werk der gehobenen Unterhaltungsliteratur“ abgetan, findet diesmal eine angemessenere Bewertung, und Pasternaks „Doktor Schiwago“ wird von Andreas Guski als „höchste Gedächtnisleistung“ gedeutet, die sich nicht zuletzt gegen die „strukturelle Amnesie“ des Stalinismus richtet. Mit Interesse nimmt man zur Kenntnis, dass Bitow in seinem Museumsroman „Das Puschkinhaus“ die russischen Klassiker und verfemten Autoren im Sinne der Lehre Fedorows wieder zum Leben erweckt. Von den gegenwärtigen Autoren sind ferner Wenedikt Jerofejew, Sasha Sokolov und Wladimir Sorokin vertreten, über deren Aufnahme in den Kanon der großen Romanciers die Zeit erst noch entscheiden muss.

Die Interpretationen sind, gottlob, nicht über einen Kamm geschert. Sie geben Einblick in Thematik und Komposition der großen Romanwerke und formulieren Interpretamente, die der Verehrer der russischen Literatur mit Gewinn aufnehmen wird.

REINHARD LAUER

„Der russische Roman“. Herausgegeben von Bodo Zelinsky unter Mitarbeit von Jens Herlth. Böhiau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2007. 564 S., geb., 34,90 €.

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