Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk
Prof. Dr. Horst-Jürgen Gerigk

Rezensionen

Horst-Jürgen Gerigk · Rudolf Neuhäuser

 

Dostojewskij im Kreuzverhör. Ein Klassiker der Weltliteratur oder Ideologe des neuen Russland? Zwei Abhandlungen.

 

Heidelberg: Mattes Verlag 2008.

XII + 119 Seiten. 16,– Euro
ISBN 978-3-86809-003-1

 

Information zu Dostojewskij im Kreuzverhör

Ein Klassiker der Weltliteratur oder Ideologe des neuen Rußland? Das ist heute die Frage, wenn es um Dostojewskij geht.

Seine Romane haben es zu einer weltweiten Präsenz im kulturellen Bewußtsein unserer Zeit gebracht. In Tokio und Berlin, in Paris und New York, in Oslo und Rom halten Buchhandlungen den Meister aus Rußland parat. Von Moskau und Petersburg ganz zu schweigen. Zahllos sind seine Leser.

Dostojewskij, der geniale Erzähler, wird jedoch von Dostojewskij, dem Propheten und Missionar der russischen Orthodoxie, wie von einem Schatten begleitet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich der russische Staat unter Putin wieder der russisch-orthodoxen Kirche zugewandt, und Dostojewskij, der Chefideologe des russischen Nationalismus, gewinnt neues Ansehen.

Nicht nur dieser überraschende Vorgang erhält mit Dostojewskij im Kreuzverhör die notwendige Analyse. Voraus geht die Beantwortung der Frage »Warum ist Dostojewskij ein Klassiker?«.

Horst-Jürgen Gerigk · Rudolf Neuhäuser Dostojewskij im Kreuzverhör. Ein Klassiker der Weltliteratur oder Ideologe des neuen Russland? Zwei Abhandlungen.
XII + 119 Seiten. 16,– Euro, ISBN 978-3-86809-003-1
Mattes Verlag, Steigerweg 69, 69115 Heidelberg, Telefon 06221-437853, Email verlag@mattes.de

Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg, Donnerstag, 14. August 2008

Dostojewskij der Literat, Dostojewskij der Prophet?

Horst-Jürgen Gerigk (Heidelberg) und Rudolf Neuhäuser über den genialen Erzähler und Ideologen des russischen Nationalismus / Von Heiko P. Wacker

Er ist ein Klassiker der Weltliteratur, der uns Werke wie „Schuld und Sühne" oder „Die Brüder Karamasow“ schenkte. Für manche jedoch ist Dostojewskij auch ein Ideologe des neuen Russland, das sich inzwischen wieder mit dem lange verschwiegenen Sohn anzufreunden vermochte. So durften „Die Dämonen" zwischen 1917 und 1989 nur ein Mal als Einzelausgabe erscheinen - die jedoch 1935 noch vor der Auslieferung zurückgehalten wurde und spurlos verschwand.

Dostojewskij: Das ist der geniale Erzähler, der stets von dem Propheten der russischen Orthodoxie begleitet wird. Den einen scheint es nicht ohne den anderen zu geben, wie die beiden Autoren Horst-Jürgen Gerigk und Rudolf Neuhäuser betonen, die den 1821 in Moskau geborenen Schriftsteller bzw. seine Werke ins Kreuzverhör nahmen. Denn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich der russische Staat unter Putin wieder der russisch-orthodoxen Kirche zugewandt - und auch Dostojewskij, der Chefideologe des russischen Nationalismus, gewinnt neues Ansehen. Eines ist klar: Man mag Russland mögen oder nicht. Ignorieren kann man dieses Land nicht.

Rudolf Neuhäuser, der bis 2001 Slawistik in Klagenfurt lehrte, und Horst-Jürgen Gerigk - Professor am Slavischen Institut in Heidelberg und Ehrenpräsident der Internationalen Dostojewskij-Gesellschaft - analysieren in ihren Beiträgen den Erschaffer der Weltliteratur wie den Ideologen und gehen dabei auch so grundlegenden Fragen nach wie jener, was Dostojewskij überhaupt zu einem Klassiker macht.

Weil die Autoren auch die russische Gegenwart im Blick haben sowie die Mentalität, die hinter dem erstarkenden Riesenreich steht, ist das neue Büchlein nicht nur ein Blick zurück in die Weltliteratur, sondern auch ein Blick in die Zukunft Russlands, das für uns in Europa künftig eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen wird.

Horst-Jürgen Gerigk, Rudolf Neuhäuser: „Dostojewskij im Kreuzverhör“. Mattes Verlag, Heidelberg 2008. 118 S., 16 Euro.

Landshuter Zeitung, Magazin zum Wochenende, Samstag, 28. Februar 2009

 

Dostojewskijs Erben


Nicht den Ideologen, sondern den Dichter gilt es zu würdigen – wie eine brillante Studie enthüllt

 

Von Dr. Christoph Bartscherer


Manche Sachbücher haben es in sich. Sie treffen den Nerv der Zeit, indem sie im Chaos des Tagesgeschehens geheime Zusammenhänge aufdecken und hinter der Dynamik unseres hektischen alltäglichen Treibens zielgerichtete Kräfte am Werk sehen, die sich bei genauerem Hinsehen als gezielte Manipulationen erweisen. Die von dem Heidelberger Literaturwissenschaftler Horst-Jürgen Gerigk und dem Klagenfurter Slawisten Rudolf Neuhäuser verfasste Studie „Dostojewskij im Kreuzverhör" gehört zur Spezies dieser seltenen, wahrhaft aufklärerischen und bewusstseinsfördernden Bücher. Wer sich ihre beiden, insgesamt knapp 120 Seiten langen Abhandlungen zu Gemüte führt, der wird nicht nur eine schlüssige Antwort auf die Frage erhalten, warum Dostojewskij ein Klassiker der Weltliteratur ist, dessen literarische Werke jeder aktualisierenden Anbiederung Widerstand leisten. Der wird auch mit Befremden zur Kenntnis nehmen, dass die nationalistischen Äußerungen und slawophilen Bekenntnisse des Journalisten Dostojewskij eine bedenkliche Ideologie bilden, die von vielen Russen als Modell für die Neugestaltung ihres Landes nach der Wende angesehen wird und heute eine dominante Rolle in der russischen Gesellschaft bis hin zur Politik spielt.


Vom Verräter zum „russischen Archetypus"


Dieser Aufstieg Dostojewskijs zum Chefideologen und nationalen Propheten Russlands ist umso erstaunlicher, als der Dichter in der Sowjetunion 70 Jahre lang totgeschwiegen oder befehdet wurde. Lenin selbst hatte den Kurs vorgegeben und Dostojewskijs Werke als unbrauchbaren „Mist" tituliert. Im Schul- und Hochschulunterricht wurde der Dichter fortan geflissentlich ignoriert. Schulklassen, die die Grabstätten russischer Schriftsteller in Leningrad besuchten, machten einen weiten Bogen um Dostojewskijs Grab. Zwischen 1917 und 1989 konnte Dostojewskijs antikommunistischer Roman „Die Dämonen" kein einziges Mal als Einzelausgabe in der Sowjetunion erscheinen. Und wer sich gar in der Dostojewskij-Forschung auch nur unvorsichtig über seine antirevolutionären Überzeugungen äußerte, riskierte Kopf und Kragen.
Heute, rund 20 Jahre nach der Wende von 1989, hat sich diese negative Einstellung grundlegend geändert. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Totalitarismus und seiner materialistischen und atheistischen Doktrin wurden laut Rudolf Neuhäuser die Bahnen für eine neue Dostojewskij-Rezeption frei, die mittlerweile pseudoreligiöse Züge angenommen hat und sich an der Grenze zur Heiligenverehrung bewegt. Dostojewskij gilt als „nationaler Archetypus", in dem sich die höheren Geschicke eines neuen, besseren Russland spiegeln und der deshalb den Rang einer patriotischen Ikone einnimmt. Neokonservative Nationalisten, Eurasier, Slawophile und Orthodoxe haben heute alle Dostojewskij als ihren persönlichen Fürsprecher und Heilsbringer entdeckt, der ihre oft konfusen politischen Zielsetzungen durch seine ideologischen Auslassungen abstützt und begründet. Der Wandel, der sich im Dostojewskij-Bild vom Beginn der kommunistischen Herrschaft bis zur „Wende" und dem Russland Vladimir Putins vollzogen hat, ist tatsächlich dramatisch: Aus einem „bösen Genius" (Maxim Gorki) ist ein Kampfgefährte und eine geistige Leitfigur geworden, aus einem Verräter ein nationaler Heros und messianischer Prophet.
Eine der entscheidenden Ursachen für diese Apotheose Dostojewskijs sieht Neuhäuser im Zerfall des Sowjetreichs und der damit einhergehenden russischen Identitätskrise: „Als sich unter Gorbatschow 1991 der Sowjetstaat auflöste, schrumpfte das Staatsgebiet beträchtlich. Regionen, die aus russischer Sicht zum Kernbereich des Staates noch im 19. und 20. Jahrhundert gehört hatten" (wie etwa die Ukraine und Weißrussland), „waren auf einmal zum Ausland geworden. Dies haben Gesellschaft und Politik bis heute nicht verkraftet und akzeptiert."
In Folge dieser verheerenden Machteinbuße hat sich die politische Führung von Jelzin bis Putin genötigt gefühlt, die Suche nach einer „neuen Idee" für Russland, das heißt nach einer neuen nationalen Identität, zu fördern. Europa und der Westen schieden dabei als Ideenvermittler bereits im Vorfeld aus: Hinter ihren gigantischen Finanzimperien witterte man - mit den Worten der Dostojewskij-Forscherin Ljudmila Saraskina gesprochen - den „moralischen Verfall einer von Gott abgefallenen Zivilisation, in dem sich der Mensch der ihm von Gott auferlegten Verantwortung nicht mehr bewusst ist" - eine These, die nach der neuesten Finanzkrise nicht einfach mehr als abstruse religiöse Spekulation abgetan werden darf.


Die Idee von der messianischen Sendung Russlands


Doch was der Westen nicht bieten konnte, das boten - wie Neuhäuser mit beeindruckender Fachkenntnis nachweist - die publizistischen Schriften des Journalisten Dostojewskij. In ihnen entwickelt der Dichter seine Ideologie von der messianischen Sendung Russlands, seine Theorie von der „russischen Idee". Ihre Kernaussage lautet: Da die Russen keine Europäer seien, hätten sie die Pflicht, ihre eigenen, heimischen Lebensformen zu schaffen, „die unserer Scholle, unserem völkischen Geist und unseren völkischen Grundlagen entnommen sind". Dank dieses Akts der Rückbesinnung wäre das russische Volkstum dann berufen, Europa seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen und die europäischen Völker unter dem Prinzip der Allmenschlichkeit zu versöhnen.
In seiner Puschkin-Rede von 1880 präzisiert Dostojewskij diesen Gedanken: „Ein echter Russe zu werden, ein in allem russischer Mensch, heißt doch, vielleicht doch ein Bruder aller Menschen, ein Allmensch zu werden [...] das russische Herz ist vielleicht von allen Völkern am ehesten für die universale, allmenschliche brüderliche Vereinigung vorherbestimmt." Dass nach Dostojewskijs messianischem Verständnis Russland dabei durchaus die Rolle eines von Gott auserwählten Volkes zugedacht ist, zeigt sich an der Bedeutung, die er der Orthodoxie zuweist: Diese verkörpert für ihn die wirkliche Kirche und das wahre Rom, in dem sich „allein das göttliche Antlitz Christi in seiner ganzen Reinheit bewahrt" hat und das von daher berufen ist, die gesamte Christenheit zu retten.
Die Betonung der Allmenschlichkeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Dostojewskijs politischem „Programm" durchaus auch imperialistische Töne mitschwingen. Abgesehen davon, dass Dostojewskij seine Ideologie um den Preis der Abgrenzung von allem Fremden gewinnt und er sich mehrfach unschöne Attacken gegen Juden, Polen und Deutsche leistet, ist es bei ihm mit gebetsmühlenartiger Regelmäßigkeit immer das russische Volk, das Europa befreien, und die russische Orthodoxie, die das Christentum auf den Weg der Wahrheit zurückführen wird. Zur Erfüllung dieser Mission ist ihm fast jedes Mittel Recht: Um der russischen Idee willen nimmt er es sogar in Kauf, dass das „heidnische" Europa durch einen Krieg unterworfen und christianisiert wird. Inwieweit sich diese militante und stark nationalistisch verengte Weltanschauung freilich für die Identitätsstiftung eines modernen demokratischen Russland eigenen soll, bleibt ein Rätsel.
Ganz anders sieht es indessen mit dem Dichter Dostojewskij aus. Was dem Ideologen Dostojewskij an kosmopolitischer Weite abgeht, besitzt dieser an Mitmenschlichkeit, philanthropischer Offenheit und psychologischer Raffinesse in höchstem Maße. Wie kein Zweiter hat es Dostojewskij in seinen Erzählungen und Romanen verstanden, in das Innere des Menschen zu blicken und die innere Zerrissenheit der Seele in ihrer Gespaltenheit zwischen Himmel und Hölle, zwischen engelhafter Erhabenheit und satanischer Niedrigkeit zu entblößen.


Poetologische Rekonstruktion des gelesenen Werkes


Dostojewskij im Spiegel seiner literarischen Gestalten - das ist der mit den Gewissensqualen seiner Schuld ringende Mörder, der in eine Welt der Intrige versetzte reine Tor, der aus einer Position der absoluten Gleichgültigkeit und Kälte heraus agierende Verführer und der den Weg vollkommener Nächstenliebe einschlagende Bruder und Gottmensch. Dostojewskij im Spiegel seiner literarischen Gestalten - das ist Raskolnikow aus „Verbrechen und Strafe", Fürst Myschkin aus „Der Idiot", Stawrogin aus „Die Dämonen" und Aljoscha aus „Die Brüder Karamasow". Es gibt kaum einen anderen Autor der Weltliteratur, der den Gedanken von der Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit des menschlichen Subjekts so überzeugt vertreten und sich mit vergleichbarer Unerschrockenheit zum Anwalt der Menschenwürde und Freiheit des Einzelnen gemacht hat wie der Russe Dostojewskij. Hier liegt seine Größe und Stärke, und hier gilt es als Interpret anzusetzen.
Deshalb sind auch fast alle ideologisch oder politisch voreingenommenen Auseinandersetzungen mit Dostojewskij reine Scheindialoge. Wie Horst-Jürgen Gerigk in einem gedanklich höchst anspruchsvollen, aber gut nachvollziehbaren Essay zu dem Thema „Was ist ein Klassiker? Dostojewskijs internationale Wirkung in systematischer Perspektive" nachweist, sind nämlich die meisten Interpreten überhaupt nicht an einem echten inneren Gespräch mit Dostojewskij, in dem die zur Diskussion stehende Sache gleichberechtigt und frei ausgehandelt wird, interessiert. Vielmehr führen sie nach Art eines Prüfungsgesprächs oder Verhörs nur Pseudo-Dialoge mit dem Dichter, um ihm in einer asymmetrischen Gesprächssituation die gewünschten Antworten zu entreißen. Beispielhaft hierfür ist für Gerigk etwa die absurde Deutungspraxis während des sowjetischen Regimes, als Dostojewskij, der zu Lebzeiten ja bereits vom zaristischen Obrigkeitsstaat verhaftet, zum Tode verurteilt und nach seiner Begnadigung in ein Straflager nach Omsk verschickt worden war, erneut wie ein Staatsfeind regelrecht unter Anklage gestellt wurde. Resultat sind die Pseudo-Dialoge, wie sie etwa Gorkij oder Kirpotin mit ihm geführt haben.
Demgegenüber macht Gerigk Dostojewskij als verborgenen Sokrates sichtbar, der den Pseudo-Dialog des Verhörs „mäeutisch" zu Fall bringt: „Das heißt, wie Plato in seinen Dialogen serviert uns Dostojewskij die Wahrheit seiner großen Romane und Erzählungen nicht auf einem Tablett, sie muss vom Leser in eigener Anstrengung geboren werden, hier und jetzt im Umgang mit den gestalteten Sachverhalten." Um in einen echten Dialog mit dem Erzähler Dostojewskij zu gelangen, fordert Gerigk vom Interpreten deshalb eine authentische poetologische Rekonstruktion des gelesenen Werks. Der Leser soll das poetologische Vorgehen des Autors derart nachvollziehen, dass das Kunstergebnis als ein Prozess der künstlerischen Entfaltung des Gegenstands sichtbar wird. Nur so kann der Interpret der Totalität des von Dostojewskij entworfenen Erzählkosmos gerecht werden.
Gerigk, der über eine wunderbar geschliffene Wissenschaftsprosa verfügt, geht es um die „radikale Besinnung auf das Wesentliche". Im Gegensatz zu der ideologisch verengten Sicht des Journalisten Dostojewskij will er das über jede chauvinistische Begrenztheit erhabene ganzheitliche Menschenbild des Künstlers zum Vorschein bringen. Hierfür ist aber eine „Praxis des Verstehens" notwendig, die sich ganz der ins Werk gesetzten Verständnislenkung des Autors überlässt und darum vor allem von Seiten der Literaturwissenschaft geleistet werden muss. Nur sie kann durch eine am Text orientierte Interpretation gewährleisten, dass die komplexe Struktur von Dostojewskijs Romanen gewahrt bleibt und der Leser die vom Autor gewählte Erzählstrategie mit ihren Pointen, Überraschungseffekten und Kunstgriffen sinngerecht nachvollzieht. Wer hingegen die innere Geschlossenheit des Textes aufbricht, indem er das Gelesene auf singuläre Deutungsebenen hinterfragt und einer exklusiven - sei es strukturalistischen oder kulturwissenschaftlichen, sei es freudianischen oder marxistischen - Spezialuntersuchung unterzieht, verfehlt die innere Logik und Wirklichkeit von Dostojewskijs Erzählwelt.


Horst-Jürgen Gerigk, Rudolf Neuhäuser: Dostojewskij im Kreuzverhör. Zwei Abhandlungen. Mattes Verlag, Heidelberg. 119 Seiten, 16 Euro

Zeitschrift für Slavische Philologie, Band 65, Heft 2, 2007/2008
Universitätsverlag Winter, Heidelberg

 

Horst-Jürgen Gerigk, Rudolf Neuhäuser: Dostojewski im Kreuzverhör. Ein Klassiker der Weltliteratur oder Ideologe des neuen Rußland? Zwei Abhandlungen. Mattes Verlag, Heidelberg 2008. 120 S. 

 

Wenn zwei Altmeister der deutschen Dostoevskij-Forschung gemeinsam ein Buch verfassen, kann man sich auf spannende Lektüre gefasst machen. Horst-Jürgen Gerigk (Heidelberg) wendet sich im ersten Teil polemisch gegen alle Versuche, den Künstler Dostoevskij für ein bestimmtes Erkenntnisinteresse zu vereinnahmen. In Gerigks Visier gerät u.a. auch Michail Bachtin, der mit seiner Polyphonie-These die gesamte Dostoevskij-Forschung im 20. Jahrhundert dominierte. Gerigk meint indes, dass sich Dostoevskij auch „von Bachtin erholen" werde (S. 13). Das Stimmenkonzert in Dostoevskijs Romanen konstituiere keine polyphone Wahrheit, sondern sei vielmehr der grundlegende Kunstgriff des Autors, im Text verschiedene Verstehensangebote zu machen, aus denen der Leser aus eigener hermeneutischer Kraft den richtigen Zugang finden müsse. In einem Durchgang durch die wichtigsten Dostoevskij-Texte zeigt Gerigk auf, wie Dostoevskij seine Deutungen vor dem Leser offenbart und gleich wieder versteckt. Gerigks Grundthese lautet, dass Dostoevskij mit seinem schriftstellerischen Gesamtwerk eine Diagnose der russischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert unternimmt. Diese Besonderheit lasse sich daran ablesen, dass die meisten Romane direkt in der Zeit ihres Erscheinens spielen. In Prestuplenie i nakazanie [Verbrechen und Strafe] etwa entwerfe Dostoevskij eine Anatomie des Bösen: Wie kann die rationale Begründung der menschlichen Handlungsfreiheit zu einem Mord führen? Die poetologische Präsentation der Romanhandlung lasse die Begründung hinter der Tat verschwinden - damit zeige Dostoevskij an, dass das Böse in der Welt erscheint, wenn es um seiner selbst willen getan wird (S. 25). Auch in Idiot [Der Idiot] werde der Kern von Dostoevskijs Aussage nicht direkt benannt: Dostoevskij schildere seinen Helden von außen und blende sein Innenleben fast vollständig aus. Mit diesem Kunstgriff werde der Leser bei der Einschätzung des Protagonisten allein gelassen: Ist Fürst Myskin ein Heiliger, ein Kranker oder gar ein Scharlatan? (S. 27) In Besy [Die Dämonen] hebt Gerigk die poetologische Funktion des unzuverlässigen Ich-Erzählers hervor, der die Relevanz seiner eigenen Darstellung gar nicht verstehe (S. 28). In Podrostok [Der Jüngling] setze Dostoevskij einen anderen Kunstgriff ein, der das direkte Verständnis erschwere: Der dämonische Lambert sei recht besehen ein Seelenbestandteil des pubertären Helden, in dessen Bewusstsein sich Traum und Realität vermischten. Auf die Spitze treibe Dostoevskij die Verrätselung in Brat'ja Karamazovy [Die Brüder Karamazov]: Die Schilderung der Mordszene breche genau in jenem Moment ab, als Dmitrij den Mörserstößel gegen seinen Vater erhebt. Eine punktierte Linie markiere sehr präzise die Leerstelle, an der sich das hermeneutische Bewusstsein des Lesers abarbeiten müsse (S. 30). Gerigk zieht aus seinen Überlegungen den Schluss, dass nur eine strenge Literaturwissenschaft, die kein literaturfremdes Erkenntnisinteresse verfolge, Dostoevskijs dichterisch gestalteter Sache gerecht werden könne. Deshalb müsse jede Interpretation von einer poetologischen Rekonstruktion des Kunstwerks ausgehen. Im Fall von Dostoevskijs Romanen gehöre dazu vor allem die Bewusstmachung der absichtlichen Täuschungen und falschen Fährten, die der Autor im Text ausgelegt habe. 


Gerigks Plädoyer ist ernst zu nehmen. Allzu oft hat sich die Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten zu einer Magd der Kulturgeschichte degradieren lassen. In literarischen Texten findet sich mehr als bloßes Illustrationsmaterial zur Wissensordnung einer bestimmten Epoche. Das Vermögen, einen Text richtig zu lesen, besteht darin, seine geheime Intention aus seiner Komposition herauszu-destillieren. Diese verstehende Tätigkeit aber - und auch darauf insistiert Gerigk zu Recht - ist nicht mit einem Algorithmus beschreibbar, sondern stellt ihrerseits eine Kunst dar. 


Einen spezifischen Anwendungsfall einer ausbeutenden Dostoevskij-Lektüre präsentiert Rudolf Neuhäuser (Klagenfurt) im zweiten Teil des Bandes. Er macht auf einen bedenklichen 'Mainstream' in der heutigen russischen Dostoevskij-Rezeption aufmerksam: Eine unheilige Allianz, die aus Aleksandr Dugin, dem wichtigsten Repräsentanten der eurasianistischen Renaissance, und Gennadij Zjuganov, dem Chef der Kommunistischen Partei, besteht, beruft sich auf Dostoevskij, um Russland von Europa abzuwenden und zu neuer nationaler Größe zu führen (S. 50). Kritisch sichtet Neuhäuser auch die neueste literaturwissenschaftliche Forschung in Russland: Zahlreiche Forscher verstünden Dostoevskij nicht mehr als Verfasser von literarischen Texten, sondern als nationalen Propheten, der fest auf dem Boden des orthodoxen Glaubens stehe. Als Belege führt Neuhäuser etwa Ljudmila Saraskinas Essay „Instinkt vsecelovecnosti" (2002) oder Karen Stepanjans Aufsatzsammlung Soznat' i skazat' (2005) an (S. 82-90). Schließlich verweist Neuhäuser auf die religiöse Position von Vladimir Sacharov, der eine neue Do-stoevskij-Gesamtausgabe in der ursprünglichen Orthographie und Interpunktion ediert. Sacharov perpetuiere nur Dostoevskijs eigene Ansicht, wenn er behaupte, dass es für Russland außerhalb der Orthodoxie keine Zukunft gebe (S. 89). Neuhäuser fasst seine Kritik im Konzept eines „pseudologischen" Weltbildes zusammen, das die Grundlage von Dostoevskijs chauvinistischer Publizistik bilde und einen großen Teil der aktuellen Dostoevskij-Forschung in Russland präge. Den Begriff der „Pseudologie" entlehnt Neuhäuser Heimito von Doderer, der darunter ein scheinbar nach logischen Grundsätzen verfasstes, im Grunde aber phantastisches Sinndispositiv versteht. Neuhäuser beschließt seine Ausführungen mit der Forderung, man müsse bei der Lektüre von Dostoevskijs Romanen verschiedene Ebenen unterscheiden: die belletristische, die philosophische, die allegorische, die polemische und die ideologische (S. 105f.). Wenn man die künstlerischen Texte nur durch das Prisma des Tagebuchs eines Schriftstellers lese, manipuliere man sie (S. 106). 


Neuhäuser legt den Finger in der Tat auf einen wunden Punkt der russischen Dostoevskij-Forschung. Viele russische Literaturwissenschaftler betrachten Dostoevskijs Werk nicht mehr als Untersuchungsgegenstand, den es leidenschaftslos zu analysieren gilt. Dostoevskij wird zur Ikone, zum heiligen Genie, dessen Prophezeiungen an der Wirklichkeit zu messen sind. Es versteht sich von selbst, dass damit ein wirklich verstehender Zugang zu Dostoevskij verstellt wird. 


Gleichwohl wagt sich auch Neuhäuser zu weit vor, wenn er glaubt, man könne den Künstler ganz vom Ideologen Dostoevskij trennen. Möglicherweise ist ja Dostoevskijs unbestrittene literarische Potenz gerade dem Umstand geschuldet, dass es ihm gelungen ist, in seinen fünf großen Romanen eine überzeugende Zeitdiagnose Russlands zu entwerfen, die auf reaktionären politischen Grundsätzen beruht. Dann aber wäre Dostoevskij nicht in die Nachbarschaft von Goethe und Schiller, sondern von Celine und Jünger zu rücken. 


St. Gallen                                                                      ULRICH SCHMID 

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